Als ich Albert zum ersten Mal sah, lag er in seinem versifften Krankenbett. Es war 7 Uhr morgens und die Wohnung roch nach Scheiße, Schweiß und Muff. Ein blaues Auge starrte mich aus dem Kissenberg an. Das andere war von trübem Grau und irrte stark abgewinkelt im Raum umher. Der alte Mann zog eine derartige Grimasse, dass die aufgewölbten Wangenfalten tiefe Schatten über seine Mundpartie warfen. Darüber ragte eine grobporige Knollennase.
Fabian schob sich an mir vorbei. Er war bis dahin einer von Alberts Pflegekräften gewesen und hatte die Aufgabe mich einzuweisen. Mit einer schnellen Handbewegung zog er die Bettdecke von Alberts Körper und entblößte einen Zwerg. Man hätte ihn für größer halten können. Dicker Bauch, gelbe Haut, ein paar verkrampfte Arme und kraxelige Beine. Ein stechender Geruch unterwanderte den restlichen Gestank und stieg mir in die Nase. „Linker Arm unter die Kniehöhlen. So. Die drehst du erst mal über die Bettkante. Und dann mit dem Rechten hinter den Rücken. Und hoch.“
Von Fabian gestützt saß Albert plötzlich vor mir. „Jetzt setzt du ihn in den Scheißstuhl“, erklärte Fabian und nickte zu einem gepolsterten Lehnstuhl mit eingelassenem Eimer. Ehemals wohl grün, jetzt dunkel verkrustet.
„Dann lässt du ihn erst mal in Ruhe machen. Dann Zähneputzen, dann Frühstücken. Zeig ich dir gleich noch.“ Er zog Albert die Unterhose runter. Der ließ es ordentlich krachen, starrte mich dabei aber ungeniert an.
Ich wollte gerade fragen ob wir nicht so lange vor die Tür gehen sollten, da spuckte Albert plötzlich Laute aus, die nur entfernt an Worte erinnerten. Wie eine halbverdaute und heraus gewürgte Mahlzeit, der man nicht mehr ansah, was sie einmal war. Ich schaute fragend zu Fabian herüber. Offenbar war er sehr wohl in der Lage dieses Kauderwelsch zu verstehen. „Er sagt, er dachte du kommst erst am Mittwoch,“ übersetzte er. „Ach so,“ entgegnete ich unsicher. Heute kann ich mir den korrekten Wortlaut selbst herleiten: „Der sieht aus wie ein Arschloch.“ Noch am Abend bezog ich die Schlafcouch im Wohnzimmer.

Während des Zivildienstes habe ich einige Menschen mit schweren Behinderungen kennengelernt. Aber keiner war wie Albert. Und der knuddelige Rollstuhlfahrer aus einem integrativen Projekt der deutschen Filmförderung war er schon gar nicht. Unter uns Zivis schimpften wir ihn auch gerne den „Arsch auf Rädern.“ Das war in etwa so grausam wie es klingt. Dazu muss man sagen, dass wir sehr unvorbereitet auf Albert trafen. Ohne einschlägige Kurse besucht zu haben, die bekam man dann auch oftmals erst kurz vor Beendigung des Dienstes zugeteilt, sollten wir von Heute auf Morgen einen Menschen mit einem Behinderungsgrad von 100 pflegen, der Obergrenze des GdB. Diese Maßeinheit wird in 10er Schritten im Behindertenausweis angegeben. Eine Schwerbehinderung liegt ab einem Wert von 50 vor. Die Einweisung in die Arbeit mit Behinderten war gelinde gesagt halbherzig.

Bei der Entbindung des kleinen Alberts hatte der ausführende Arzt zu kräftig mit der Geburtszange zugegriffen. Vielleicht war der Mann nicht ganz bei der Sache. Wer weiß das schon. Jedenfalls bescherte er dem Neugeborenen eine Gehirnblutung, die sich gewaschen hatte. Sie reichte aus um eine spastische Lähmung hervorzurufen, die das Kind für den Rest seines Lebens in grüne Plastikeimer scheißen lassen sollte. Als Spastik wird die dauerhafte Verkrampfung eines Muskels bezeichnet. Sie kann auftreten, wenn der für die Bewegung zuständige Bereich im zentralen Nervensystem beschädigt wurde. Einzig und allein den linken Arm konnte Albert eingeschränkt bewegen. Auf diese Weise ließ sich die Fernbedienung greifen und die Gabel ungeschickt zum Mund führen. Meistens traf er aber eher das rechte Auge. Auch sein Kiefer war zum Teil gelähmt. Und so brauchte ich einige Tage, um alles was er sagte uneingeschränkt verstehen zu können. Hier werde ich einfach transkribieren.
Geistig war Albert voll da. Auch wenn man mit seinen fragwürdigen Aussagen ganze Bibliotheken hätte füllen können, seine Behinderung war rein körperlich. „Der einzig richtige Begriff für Leute wie mich ist Spasti. Politisch korrekt kann mich mal.“

Es war seine Angewohnheit jeden seiner neuen Jungs ausgiebig zu testen. Auf Fehler unsererseits reagierte er mit wüsten Beschimpfungen und Wutausbrüchen. Dabei war es egal, ob man ihn in der falschen Reihenfolge einkleidete oder vergaß einen Löffel Zucker in den Ceylon-Tee zu geben, den er täglich um 1 Uhr zu sich nahm. Jeder Versuch diesen bewegungsunfähigen Derwisch zu erziehen war zum Scheitern verurteilt. Wer damit nicht umgehen konnte, verschwand nach ein paar Wochen einfach und bekam einen anderen Patienten zugeteilt. Mit seiner aufbrausenden Art konnte Albert nicht nur Pfleger in die Flucht schlagen. Auch die Dienststelle hatte keine Lust mehr sich mit ihm auseinanderzusetzen. Stundenlange Debatten und die Drohung ihn in ein Heim zu stecken konnten Albert nicht zähmen.

Man hatte sich damit abgefunden, dass in der stinkenden 2-Zimmerwohnung andere Zustände herrschten, als es Vorschrift war. Mittelalterliche Zustände, wenn es um Hygiene ging. Albert ließ sich nicht mit Seife waschen, Albert verweigerte das man ihm den Arsch abwischte, Albert stank zum Himmel. Jetzt kann man sich fragen, warum man den armen alten Fucker nicht einfach genommen und ordentlich abgeschrubbt hat. Wehren kann sich so einer ja nicht. Sobald der Gute aber so richtig in Rage gekommen war, begann sein Körper stark zu zucken und der Rollstuhl geriet ins wanken.
Nach wenigen Sekunden schwoll sein Kopf rot an und die Atmung setzte in ungleichen Abständen aus. War sein Speichelfluß ohnehin unkontrollierbar, so bildete sich in diesen Momenten echter Schaum vor seinem Mund. Dann passierte etwas, das ich in Gedanken immer den „Zaubertrick“ nannte: Dieser beinahe vollständig gelähmte Mensch begann sich aus seinem Gefährt zu erheben. Die Wut weckte ungeahnte Kräfte in ihm. Mit seinem von der Spastik weniger betroffenen Arm stützte er sich dann auf die gummierte Rollstuhllehne und vergrub seine dreckigen Fingernägel darin. Gleichzeitig rutschten seine Füße von der dafür vorgesehenen Ablage und suchten unkoordiniert Halt auf dem Boden. Alberts Oberkörper kippte nach vorne und wurde mit nur einem Arm gut 20 Zentimeter aus dem Sitz gestemmt. Gerade als man glaubte er würde aufstehen und zum Schlag ausholen war alles schon wieder vorbei. Er sackte zurück und bebte vor sich hin. Es sei denn er hatte es geschafft sich noch etwas höher zu pressen, dann musste man ihn schnell zurück zu drängen, damit er im nächsten Moment nicht einfach zu Boden ging wie ein nasser Sack. Als ich den Zaubertrick zum ersten mal sah, dachte ich der Alte würde jetzt kollabieren und mir innerhalb der nächsten zwei Minuten unter den Fingern wegsterben.
Nach eigenen Angaben hatte Albert schon gut drei Dutzend gut ausgebildete Sozial- und Sonderpädagogen in den Wahnsinn getrieben. Wie man sich vielleicht denken kann, neigte er nicht nur zu der für viele kranke und alte Menschen typischen Eigen- und Starrsinnigkeit, sondern auch zur maßlosen Übertreibung. Sagen wir mal, es waren ein Dutzend.

Sehr bald begann ich zu verstehen, dass man sich mit Albert solidarisieren musste, um auf diesen ärmlichen und übelriechenden 35 Quadratmetern friedlich miteinander auskommen zu können. Solidarität wurde groß geschrieben. Albert war überzeugter Linker. Das Schicksal des kleinen Mannes im Kapitalismus war eines seiner Lieblingsthemen. Das Wohlbefinden seiner Pfleger im eigenen kleinen Fäkalstaat war ihm hingegen ziemlich Schnuppe. Jedenfalls hörte ich schnell auf ihm zu widersprechen wenn es um Haushaltsführung, Hygiene oder Einkäufe ging. Eine Taktik, die nicht nur ich sondern auch andere Pfleger fuhren und zur Folge hatte, das die Zustände in Alberts Wohnung sich kontinuierlich verschlechterten. Ab einem gewissen Grad an Verschmutzung war eh alles egal. Mit der Betreuung wechselten wir uns im Abstand von ein bis zwei Wochen ab. In dieser Zeit versuchte man es einigermaßen erträglich zu halten. Aber im großen und ganzen war es ein Saustall. Überall lag eine dicke Staubschicht, der Linoleomboden war mit Essensresten verklebt und gefegt wurde auch nur sporadisch. Da einem Niemand auf die Finger guckte, lösten sich anfängliche Bestrebungen mittels unkoordinierter nächtlicher Putzaktionen dem Schmutz entgegenzuwirken auch schnell in Gleichgültigkeit auf. Zumindest ging es mir so.

Albert verbrachte den ganzen Tag vor seinem Fernseher. Einem modernen Flachbildschirm, der an der Wand seiner verdreckten Wohnung hing wie das Fenster in eine andere Welt. Immer eingeschaltet und immer voll aufgedreht zeigte es Sport, Bundestagsdebatten und Seifenopern. Um den Bildschirm herum hingen Fotos. Gut fünfzig Bilder zeigten Freunde und Verwandte. Von manchen dieser Leute kannte ich auch die Stimme, da ich regelmäßig beim Telefonieren assistierte. Das heißt: Nummer wählen, Freisprechtaste drücken und gegebenenfalls übersetzen. Manchmal konnte man deutlich hören, dass die Leute am anderen Ende der Leitung genervt waren und es eilig hatten das Gespräch zu beenden.

„Die beste Zeit am Tag ist, wenn ihr weg seid,“ sagte Albert einmal und meinte damit uns Pflegekräfte. Er wollte eigentlich nichts anderes, als in Ruhe gelassen werden. Und so portionierte er die Zeit, in der er mit anderen Menschen zusammen war in möglichst kleine Einheiten. Ganz egal ob es dabei um Anrufe, Pflegehandlungen oder um Besucher ging. Für die Zivildienstleistenden bedeutete das ausgedehnte Mittagspausen. „Ihr geht mir nicht auf den Sack und ich geh euch nicht auf den Sack“, lautete ein häufig fallender Satz, den man gut und gerne in eine Messingtafel graviert über die Eingangstür hätte hängen können. Und so schlug ich mehrere Stunden am Tag mit Spaziergängen, Kaffee trinken und Lesen tot, während ich Albert sich selbst überließ. Telefon, Fernseher und Fotos bildeten so etwas wie seine kleine Kommandozentrale, sein Cockpit der Einsamkeit. Dank des Toilettenstuhls, der vor dem Schlafen gehen zu entleeren war, konnte er sich ja auch jederzeit erleichtern.
Wenn ich abends zurück kam saßen wir noch manchmal eine Weile zusammen und redeten über das TV-Programm, Nachrichten und das Leben selbst. In diesen Gesprächen erfuhr ich fast alles, was ich über den Mann weiß. Von seiner Kindheit bei seinen Großeltern, über den Besuch von politischen Veranstaltungen in den 70ern, bis hin zum Einzug in seine Wohnung auf St. Pauli. Gerne und viel sprach er von einer Zeit in der er regelmäßig ausging. Mit einem Betreuer natürlich. Zu Treffs in Kulturhäusern, Jugendzentren und sogar in Diskotheken. Nun wurde er schon bald 65 und ausgehen war scheinbar nicht mehr drin. Nicht dass das Angebot nicht da gewesen wäre. Albert hatte sich im Laufe der Jahre selbst abgeschafft. Das er kein Interesse mehr daran hatte mit der Welt da draußen in direkten Kontakt zu treten brachte er regelmäßig zum Ausdruck. Er beobachtete sie lieber in der Glotze oder ließ sich davon erzählen. Sein Apartment verließ er nur für die verhassten Arztbesuche.
Erzählt hat er auch von seinen „Freundinnen“, alle samt Frauen die seine Zuneigung nicht erwidert hatten. Unter den Pflegekräften ging das Gerücht um, jemand habe Albert einmal eine Prostituierte kommen lassen. Aber so recht glaubte das niemand. Und selbst wenn es der Wahrheit entsprochen haben sollte, sobald die Dame den verschorften und sabbernden Albert zu Gesicht bekommen hätte, wäre sie auf der Schwelle umgekehrt.

Nach derartigen Gesprächen bei Limonade und Zigarette – geraucht habe natürlich ich, Albert mochte den Geruch von Tabak – war es an der Zeit für das allabendliche Bad. Ich schob meinen „Patienten“ nach nebenan, entkleidete ihn und ließ das Wasser an. Albert mochte es gern heiß. Sobald er eintauchte, begann seine Haut rot anzulaufen. Wie schon erwähnt, nahm er es nicht so genau mit der Hygiene. Selbstverständlich ließ er sich auch nicht das stoppelige graue Haar waschen, in dem sich dicke Plakken verfingen, die sich von seiner Kopfhaut gelöst hatten. Die Worte „Mich stört der Gestank nicht, also hat er dich auch nicht zu stören“, waren ganz im Sinne der Albertschen Logik und führten zu Beginn meines Dienstes noch regelmäßig dazu, das ich demonstrativ das Badezimmer verließ. Aus Angst der Kerl würde innerhalb kürzester Zeit ersaufen, kehrte ich aber immer schnell wieder zurück. Albert schien tatsächlich zu glauben, der Umstand in heißem Wasser zu kochen sei genauso effektiv gegen Schmutz wie das Benutzen von Seife. Zehn Minuten später lag er in einer Suppe aus Schweiß und Scheißebrocken, in die es beherzt hineinzugreifen galt.
Wenn ich Albert dann ins Bett gebracht hatte, wusch ich mir die Hände, Unter- und Oberarme immer ausgiebig mit dem Desinfektionsmittel „Antisept“. Es war das häufigsten nachzukaufenden Haushaltsmittel. Nachdem man dieses Zeug länger als eine Woche täglich nutzte, begann sich die Haut abzupellen. Anschließend machte ich noch schnell den Abwasch, legte mich auf die Couch und ließ mich vom Fernseher hypnotisieren.

Zu verstehen, wie man ein Leben unter solchen Umständen führen kann, fällt schwer. Immerhin kann man das, was dort passierte durchaus als „menschenunwürdig“ bezeichnen. Dieser Mann saß den ganzen Tag in seinem eigenen Kot und faulte vor sich hin. Es liegt nahe, Pfleger, Dienststelle und Sozialsystem für so etwas verantwortlich zu machen – das kann man tun. Jedenfalls habe ich keine passende Entschuldigung parat. Alles was mir dazu einfällt, ist etwas, dass Albert kurz nach meiner Einweisung sagte. Es war zur Mittagszeit. Wir waren gerade mit dem Essen fertig und ich machte mich daran alle getätigten Pflegehandlungen auf einem Block abzuhaken. So wie es Vorschrift war. Albert keifte mich an, ich solle das Ding weglegen.
„Ich will diese Liste hier nicht sehen.“ Das warum beantwortete er wie folgt.“Diese Leute wollen wissen wann ich esse, wann ich schlafe, wann ich scheiße. Und das geht die einen Dreck an.“ Als ich den Block schon wieder im Regal verstaut hatte, setzte er noch einmal nach. „Das können die mit den Spastis im Heim machen. Aber nicht mit mir.“ Um noch deutlicher zu werden: Alberts Unabhängigkeit war im weitesten Sinne illusorisch. Schließlich war er physisch in jeder Hinsicht auf Helfer angewiesen. Solange er es aber schaffte, Leute wie mich dazu zu bringen, immer wieder das zu tun, was er wollte – da war sie trotzdem echt. Und das bisschen Ekel, dass wir als „Pflegekräfte“ für sein letztes bisschen Freiheit in Kauf nehmen mussten, war die Sache mehr als wert.

WordPress öffnen, auf das Bleistiftsymbol klicken und von Anfang an keinen Schimmer haben, was man eigentlich schreiben will. Kein Schimmer, schimmer, schimmer.. Schimmer. Gestern Abend wieder durch die Stadt gelaufen, nur um sich von einem Ort zum Nächsten treiben zu lassen. Am Morgen wieder mit dem ersten Bus nach Hause. Sich zwischendurch fragen, was das alles soll. Aufregung gleich null, weil alles mit dem Gesicht im Kopfkissen endet.

Sehr nette Barfrau in der Hafenstraße kennen gelernt. Gespräch über das Offensichtliche, über Betrunkene und Kneipen. Darüber, wie schön es sein kann sich einfach in eine Bar zu setzen, einem guten DJ zuzuhören und dabei sein Bier zu trinken. Einigkeit darüber, das man sich nicht immer mit anderen unterhalten muss. Sich mit der Flasche in der Hand auf einem sehr nüchternen Level sehr verstanden gefüllt. Äh. Gefühlt mein ich. Aufrichtiger und herzlicher Smalltalk schlägt affektiertes Intellektuellengeschwaller die zweitausendachtundvierzigste.

Nach dem Aufwachen die Notizen auf dem kaputten Smartphonedisplay durchgehen und versuchen die kryptischen Textnachrichten an sich selbst zu entschlüsseln. „Alles was ich will, ist alles was du weißt.“ Was soll das? Hat vielleicht mit einem Song zu tun, der letzte Nacht gespielt wurde. Einen Liter Wasser trinken, duschen gehen.

Du bist dreizehn Jahre alt und zwischen dir und dieser Welt ist keine Angst, die du nicht bewältigen könntest. Du siehst sowas von verflucht klar. Im Radio spielen sie gerade ständig dieses eine Lied. Darin heißt es, man solle „den Moment leben“. Findest du echt kacke, das Lied. Aber du weißt, gerade jetzt, da lebst du den Moment. Du bist der Moment. Und dir ist heiß.

Der Asphalt brennt auf deiner Haut. Du hast dein T-Shirt ausgezogen, es dir um den Kopf gewickelt und du hockst  im Schneidersitz auf dem Fahrradweg entlang der Straße. Du guckst nach links, du guckst nach rechts. Eine Herde Schafe kraxelt träge am Wasser entlang. Ein Bauer sitzt auf seinem Trekker und rollt stumpfsinnig über die weiten Felder. Fünfunddreißig Grad im Schatten zwingen alles und jeden zur Langsamkeit. Nur der Fluß ist schnell. Die Elbe drückt gewaltige Wassermassen durch das Land, als müsste sie irgendwem beweisen, dass sie niemals aufgibt.

Du spürst, wie die heiße Luft deinen Mund immer wieder austrocknet. Du sammelst Speichel und benetzt damit Lippen, Zähne, die Innenseite deiner Wangen und den Raum unterhalb der Zungenspitze. Es braucht nur einen Atemzug und schon ist alles wieder staubtrocken. Wenn du die Lider schließt, siehst du rosarot. Mit einer Hand stützt du dich ab, stehst auf und gerätst dabei so sehr ins Schwanken, dass du beinahe den Deich hinunter kullerst. Einen letzten Blick wirfst du über das Wasser. Da drüben ist Niedersachsen. Dein Bruder hat einmal gesagt, da ist sogar noch weniger los als hier.

Mutter, Vater und Sohn sitzen am Frühstückstisch. Über ihnen hängt eine aus Ton geformte Uhr. Darin rudern zwei Frösche in einem Boot, das aussieht wie der Mond. Im Meer schwimmen gelbe Sterne und über ihnen sprießen die Zeiger aus dem Himmel.

Sohn: Wie lange haben wir diese Uhr jetzt schon?

Mutter: Oh. Das weiss ich nicht. Schon ewig. Die haben wir mal auf einem Weihnachtsmarkt gekauft.

Vater: Die Herstellerin hat sich dann irendwann vor einen Zug geworfen.

Kurzes Schweigen.

Mutter: Aber schöne Uhren hat sie gemacht.

Sohn: Ist ja heftig.

Der Vater blickt auf die tickende Froschuhr an der Wand.

Vater: Ja. Aber die Zeit läuft weiter.

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Die Lüftung der Kühlanlage gibt ein monotones Rauschen von sich, das Fließband dreht surrend seine Runden. Würde mich mal interessieren, wie viele Umdrehungen es an einem normalen Arbeitstag so durchläuft. Überhaupt beginnt man im Laufe dieses Aushilfsjobs über ziemlich sinnfreie Dinge nachzudenken. Hier lernt man was Langeweile wirklich ist.
Im total behämmerten Arbeitsdress (klobige Stiefel, rote Latzhose, rote taschenlose Jacke, rote starkbetaschte Weste, knallgelbe Handschuhe, weißes fein drapiertes Haarnetz) hieve ich in einer Endlosschleife durchsichtige Plastikschalen auf das Förderband und ordne sie hintereinander an. Immer wenn meine Aufmerksamkeit sinkt, verschluckt sich die Etikettiermaschine. Das vermaledeite Ding fängt an zu Piepen, dünnes Plastik wird mit einem unangenehmen Quietschen zerdrückt und ich muss die Schachteln herausfisseln. Eine Vorarbeiterin schaut mich an als hätte ich auf die gesamte Tagesproduktion uriniert . Überhaupt verlieren sie schnell die Contenance, diese Vorarbeiter. Wenn sie nicht gerade sehr schlechte Witze machen. Tun gerne so als ginge es hier um Belange von nationaler Sicherheit. Dabei verpacken wir nur Bohnen, Spargel und Sprossen. In solchen Momenten würde ich ihnen gerne die Trivialität und Unbedeutsamkeit unserer Arbeit vor Augen halten. Tu ich aber nicht. Allzu leicht könnte man erwidern das es ein Wunder sei, dass ich mich trotzdem so blöd anstelle. Stimmt auch, ich bin ein riesen Tollpatsch. Außerdem wollen die ja auch nur Geld verdienen. Nichts wofür man sich schämen muss. Stattdessen kontere ich mit einem gelangweilten Leck-mich-doch-Blick. Manchmal versuche ich die nervtötenden hohen Stimmen meiner Vorgesetzten aus meinem Kopf auszusperren. Die Psyche abkapseln und dabei den Körper noch vernünftige Arbeit abliefern lassen, das schaffen vielleicht spirituell geschulte Fakire aus Indien oder buddhistische Mönche aber ich doch nicht. Fragt Vorarbeiterin 1 Vorarbeiterin 2: „Was ist der Unterschied zwischen einem Kondom und einem Sarg?“ Vorarbeiterin 2 glotzt freudig-doof-erwartungsvoll. Die Auflösung: „In beiden liegt ein Steifer drin. Aber der eine kommt und der andere geht.“ Ich meine, bin ich das nur oder ist das nicht einfach nur furchtbar?

Männer gibt es hier wenige, dafür aber an die 30 Frauen. Alle haben sie schon mehr als vier Dutzend Sommer auf dem Buckel. Eher mehr. Fünf von ihnen sind deutsch – laut, schrill und reichlich borniert. Die anderen sind Russinnen. Obwohl meine slawischen Arbeitskolleginnen in der absoluten Überzahl sind, produzieren sie nicht annähernd so einen Lärm wie die sprücheklopfenden germanischen Gewitterhexen. Welche natürlich das Sagen haben. Ich kann verstehen, dass man bei dieser Arbeit mit der Zeit abstumpft aber diese fünf Frauen agieren tatsächlich wie Laiendarstellerinnen einer Fake-Doku auf einem Untermenschenfernsehsender. In regelmäßigen Abständen schäme ich mich für meinen Hochmut. Dann wieder für meine Schusseligkeit. Dann für Deutschland.

Nach sechs Stunden am Fließband habe ich nur noch Matsch im Kopf und bin froh, wenn ich zur Abwechslung Holzpaletten stapeln kann. Den Vorarbeitern bin ich eindeutig zu langsam. Ist mir egal. Schließlich bin ich der mit dem Ausbeutervertrag und darf immer länger bleiben als die Festangestellten. Da ist es mir dann auch Jacke wie Hose, wenn meine Aufpasser wegen mir TvTotal verpassen und heute mal nicht die neusten Kalauer von Fickfresse Stefan Raab abkupfern können.
Und wo ich gerade so vulgär werde, es gibt da etwas, das viele gar nicht wissen werden: Fabrikhallen sind Orte voll von angestauter Sexualität. Kenner behaupten sogar schon spontane Selbstentzündungen beobachtet zu haben. Ich nicht. Auch keine Funkenschläge. Dafür darf ich aber regelmäßig unterschwelligem bis hin zu offenkundig übersexualisiertem Gedankengut lauschen. Es ist schon irgendwie komisch wenn man mit einem großen Industriewasserstrahler den Boden von Bohnen- und Verpackungsresten befreit und ein hutzeliges Frauchen, das die eigene Großmutter sein könnte, einen auffordert man solle doch schnell mal die „fette Fleischpeitsche“ rüberschwingen. Total unqualifizierte Bemerkung. Dieses Gerät ist doch nicht im Mindesten organisch. „Schlauch“ hätte schon gereicht. Und wer noch nie eine 60-Jährige die Hüften hat rotieren sehen, während sie sich einen auf- und abfedernden Spargel vor den Schritt hält, der hat sowieso noch nicht gelebt. Über sowas kann ich aber ganz gut hinwegsehen, Männer kriegen die hier einfach selten zu Gesicht. Bei dieser Arbeit wäre es auch ein Wunder nicht mit der Zeit bescheuert zu werden. Also, so richtig bescheuert.

Obwohl ich hier gerade mal zwei Tage die Woche abreiße fühle ich mich wie ein schlesischer Weber zur Zeit der Märzrevolution. Von einem Maschinensturm auf das Etikettiergerät sehe ich vorerst noch ab. Wenn es dann soweit ist und die Luft brennt kann ich mir vielleicht Unterstützung von den Russen erhoffen. Die haben das eh besser drauf, hört man. Ihre Grundhaltung stimmt schon mal: sie wirken brummig&düster. Das macht sie leichter zu ertragen als die Vorarbeiter.
Wir passen ganz gut zusammen, die Russinnen und ich. Alle von ihnen sind klein und rundlich. Sie tragen seltsame Brillengestelle, die sie vor allem dann aufsetzen wenn sie in der Mittagspause Kreuzworträtsel mit kyrillischen Buchstaben füllen oder auf dem Bestellschein die noch zu produzierenden Kartons ablesen. Deutsch sprechen sie nur leidlich aber das Gequassel übernehmen hier sowieso die Vorarbeiter. Dafür steht immer dann eine von ihnen neben mir und greift mir unter die Arme, wenn ich es am wenigsten erwarte. Jede Woche kommen sie zu mir und fragen mich woher ich stamme. Mein Nachname klänge ja nicht sehr deutsch. Ich würde auch nicht so viel Quatsch reden. Jedes mal muss ich sie enttäuschen. Nach Feierabend verabschieden sie sich dann trotzdem mit einem „Пока“ und schenken mir verschwörerische Blicke. Etwas geschmeichelt fühle ich mich ja schon. Dann setze ich mich auf´s Rad und fahre nach Haus. Mit einem Herz voll Klassenkampf.

„Wenn da jetzt eine Bombe runterkommen würde, dann könnte ich das Ding auffangen und zurückwerfen. Das Flugzeug treffen. Und PENG.“ Marthy macht eine Wurfbewegung und schleudert einen unsichtbaren Sprengkörper in den Himmel. Ihr starrt nach oben. Aber nichts passiert. Da ist keine Explosion. Kein Feuerball und auch kein Rauch. Immer länger zieht die Passagiermaschine ihren Kondensstreifen und scheitelt den glühend blauen Himmel in zwei Hälften.

Das kleine Mädchen senkt enttäuscht den Kopf. Sie rennt los und verschwindet im Unterholz. Du guckst immer noch dem Flugzeug hinterher. Die Maschine fliegt viel zu hoch, als das du sie hören könntest. Da ist nur das Knistern der Hochspannungsmasten und das Zwitschern der Vögel. Was der Pilot wohl gerade denkt, fragst du dich. Wahrscheinlich macht er sich bereit für den Landeanflug auf Hamburg.

Du überlegst, ob du Marthy zurückrufen solltest. Nicht um ihr zu sagen, dass man das nicht tut. Das dort oben Menschen sind und wir uns so ein Unglück gar nicht vorstellen wollen. Sondern um ihr zu erklären, was es mit den Kondensstreifen auf sich hat. Dass das was man da sehen kann eine langgezogene Wolke aus Eiskristallen ist. Dass so was entsteht, wenn heiße Abgase aus den Triebwerken strömen und die Wasserteilchen im darin enthaltenen Ruß gefrieren. Dass das erst passiert, wenn die Luft kalt genug ist. Also ab einer Höhe von 8 bis 10 Kilometern.

Du guckst dem Mädchen nach. Sie spielt zwischen den Bäumen, packt große Flatschen nasses Laub mit ihren Händchen, wirft es in die Luft und lässt es auf sich niederregnen. Rotiert wie ein kleiner Drehkreisel mit dunklem Haarschopf. Keine Chance für eine Lehrstunde in Physik. Außer dem schönen Wort „Kristall“, käme nichts interessantes für sie dabei rum. Also lässt du sie spielen. Starrst dem Flugzeug nach, streckst die Faust gen Himmel. So, dass sie sich mit dem Menschenvogel deckt. Reißt sie auf und sagst leise. Peng.

Nach Feierabend stehen sie in verschwitzten Franchiseuniformen hinter gläsernen Auslagen. Fastfood verkaufen, Kaffee ausschenken, den Boden kehren und die Kasse zählen. Freundlich sein, ansprechbar sein und nicht zu langsam. Die Ladenfront schließen und vor dem Hinterausgang Zigaretten rauchen. Sich zwischen Müllcontainern und Pappkartons gegen die Wand lehnen, den Blick durchs Nichts schweifen lassen. Ein taubes Wummern zwischen den Schläfen fühlen und versuchen sich nicht darauf zu konzentrieren. Mit den Kollegen fluchen. Mit den Kollegen schweigen. Sich von Kollegen verabschieden. Den Bus nach Hause nehmen und mit überreizten Netzhäuten auf glühende Displays starren. Persönliche Nachrichten dechiffrieren und spätestens bei der Interpretation kläglich scheitern.

„Nichts ist echt, außer Du fühlst es,
nichts ist da, außer du berührst es,
und nichts kann Dich berührn, während Du nach Formeln suchst zum Glücklichsein,
kein Wort ist wahr, nur weil es dokumentiert ist,
und nichts wird klar, nur weil es gut recherchiert ist,
und nichts wird erlöst, nur weil Du ständig nachdenkst über Ungerechtigkeit“

Maike Rosa Vogel

Laß die Küche wie sie ist. Den Abwasch, der als schmutziger Berg aus der Spüle wächst. Und auch dein Zimmer, laß es wie es ist. Die getragene Kleidung, die überall umher fliegt. Noch einmal einschlafen mit juckender Haut. Morgen in die Heimat fahren und dich wieder fragen lassen, wie es denn nun mit dir weiter geht. Raus aus dieser Stadt, in der du viele Menschen kennst, aber niemanden, bei dem du einfach sein kannst. Wie soll das auch gehen, wenn man sich nicht einmal selbst ertragen kann.

Und wenn du wissen willst, wie es sich anfühlt, dann füge vor jedes Nomen noch ein Schimpfwort, das unter die Gürtellinie geht.

Der Gedanke jetzt irgendetwas aufzuchreiben. Um zu sehen, dass man noch da ist. Um Ruhe zu finden. Um die Abfolge der Buchstaben in Informationen umzuwandeln, die hoffentlich etwas hergeben. Etwas, das entspannend wirkt auf all deine Wirrungen. Um zu sehen, das auch die Ruhe von Grund auf in dir angelegt ist. Das alles gut ist.