Du bist dreizehn Jahre alt und zwischen dir und dieser Welt ist keine Angst, die du nicht bewältigen könntest. Du siehst sowas von verflucht klar. Im Radio spielen sie gerade ständig dieses eine Lied. Darin heißt es, man solle „den Moment leben“. Findest du echt kacke, das Lied. Aber du weißt, gerade jetzt, da lebst du den Moment. Du bist der Moment. Und dir ist heiß.

Der Asphalt brennt auf deiner Haut. Du hast dein T-Shirt ausgezogen, es dir um den Kopf gewickelt und du hockst  im Schneidersitz auf dem Fahrradweg entlang der Straße. Du guckst nach links, du guckst nach rechts. Eine Herde Schafe kraxelt träge am Wasser entlang. Ein Bauer sitzt auf seinem Trekker und rollt stumpfsinnig über die weiten Felder. Fünfunddreißig Grad im Schatten zwingen alles und jeden zur Langsamkeit. Nur der Fluß ist schnell. Die Elbe drückt gewaltige Wassermassen durch das Land, als müsste sie irgendwem beweisen, dass sie niemals aufgibt.

Du spürst, wie die heiße Luft deinen Mund immer wieder austrocknet. Du sammelst Speichel und benetzt damit Lippen, Zähne, die Innenseite deiner Wangen und den Raum unterhalb der Zungenspitze. Es braucht nur einen Atemzug und schon ist alles wieder staubtrocken. Wenn du die Lider schließt, siehst du rosarot. Mit einer Hand stützt du dich ab, stehst auf und gerätst dabei so sehr ins Schwanken, dass du beinahe den Deich hinunter kullerst. Einen letzten Blick wirfst du über das Wasser. Da drüben ist Niedersachsen. Dein Bruder hat einmal gesagt, da ist sogar noch weniger los als hier.

„Wenn da jetzt eine Bombe runterkommen würde, dann könnte ich das Ding auffangen und zurückwerfen. Das Flugzeug treffen. Und PENG.“ Marthy macht eine Wurfbewegung und schleudert einen unsichtbaren Sprengkörper in den Himmel. Ihr starrt nach oben. Aber nichts passiert. Da ist keine Explosion. Kein Feuerball und auch kein Rauch. Immer länger zieht die Passagiermaschine ihren Kondensstreifen und scheitelt den glühend blauen Himmel in zwei Hälften.

Das kleine Mädchen senkt enttäuscht den Kopf. Sie rennt los und verschwindet im Unterholz. Du guckst immer noch dem Flugzeug hinterher. Die Maschine fliegt viel zu hoch, als das du sie hören könntest. Da ist nur das Knistern der Hochspannungsmasten und das Zwitschern der Vögel. Was der Pilot wohl gerade denkt, fragst du dich. Wahrscheinlich macht er sich bereit für den Landeanflug auf Hamburg.

Du überlegst, ob du Marthy zurückrufen solltest. Nicht um ihr zu sagen, dass man das nicht tut. Das dort oben Menschen sind und wir uns so ein Unglück gar nicht vorstellen wollen. Sondern um ihr zu erklären, was es mit den Kondensstreifen auf sich hat. Dass das was man da sehen kann eine langgezogene Wolke aus Eiskristallen ist. Dass so was entsteht, wenn heiße Abgase aus den Triebwerken strömen und die Wasserteilchen im darin enthaltenen Ruß gefrieren. Dass das erst passiert, wenn die Luft kalt genug ist. Also ab einer Höhe von 8 bis 10 Kilometern.

Du guckst dem Mädchen nach. Sie spielt zwischen den Bäumen, packt große Flatschen nasses Laub mit ihren Händchen, wirft es in die Luft und lässt es auf sich niederregnen. Rotiert wie ein kleiner Drehkreisel mit dunklem Haarschopf. Keine Chance für eine Lehrstunde in Physik. Außer dem schönen Wort „Kristall“, käme nichts interessantes für sie dabei rum. Also lässt du sie spielen. Starrst dem Flugzeug nach, streckst die Faust gen Himmel. So, dass sie sich mit dem Menschenvogel deckt. Reißt sie auf und sagst leise. Peng.

„Nichts ist echt, außer Du fühlst es,
nichts ist da, außer du berührst es,
und nichts kann Dich berührn, während Du nach Formeln suchst zum Glücklichsein,
kein Wort ist wahr, nur weil es dokumentiert ist,
und nichts wird klar, nur weil es gut recherchiert ist,
und nichts wird erlöst, nur weil Du ständig nachdenkst über Ungerechtigkeit“

M. R. Vogel

Laß die Küche wie sie ist. Den Abwasch, der als schmutziger Berg aus der Spüle wächst. Und auch dein Zimmer, laß es wie es ist. Die getragene Kleidung, die überall umher fliegt. Noch einmal einschlafen mit juckender Haut. Morgen in die Heimat fahren und dich wieder fragen lassen, wie es denn nun mit dir weiter geht. Raus aus dieser Stadt, in der du viele Menschen kennst, aber niemanden, bei dem du einfach sein kannst. Wie soll das auch gehen, wenn man sich nicht einmal selbst ertragen kann.

Und wenn du wissen willst, wie es sich anfühlt, dann füge vor jedes Nomen noch ein Schimpfwort, das unter die Gürtellinie geht.

Der Gedanke jetzt irgendetwas aufzuchreiben. Um zu sehen, dass man noch da ist. Um Ruhe zu finden. Um die Abfolge der Buchstaben in Informationen umzuwandeln, die hoffentlich etwas hergeben. Etwas dass entspannend wirkt auf all deine Wirrungen. Um zu sehen, dass auch die Ruhe von Grund auf in dir angelegt ist. Das alles gut ist.

Nach diesen Nächten ist dein Körper nur noch eine dünne Hülle. Beinahe durchsichtig. Die Morgensonne fällt auf die Stadt, aber auf dich, da fällt sie nicht. Sie geht einfach durch dich hindurch. Du fühlst dich klapperig und leicht. Beinahe, als würde der Wind dich jeden Moment mit sich nehmen. Und wenn er kommt, dann wirst du dich nicht gegen ihn wehren. Du wirst sagen, trag mich höher und dich freuen, wie klein die Welt von hier oben ist. Aber auch der Wind findet keinen Halt an dir. Wie das Licht strömt er durch deinen Umriß und  weht weiter seiner Wege. Wo auch immer er hin will.