Nach Feierabend stehen sie in verschwitzten Franchiseuniformen hinter gläsernen Auslagen. Fastfood verkaufen, Kaffee ausschenken, den Boden kehren und die Kasse zählen. Freundlich sein, ansprechbar sein und nicht zu langsam. Die Ladenfront schließen und vor dem Hinterausgang Zigaretten rauchen. Sich zwischen Müllcontainern und Pappkartons gegen die Wand lehnen, den Blick durchs Nichts schweifen lassen. Ein taubes Wummern zwischen den Schläfen fühlen und versuchen sich nicht darauf zu konzentrieren. Mit den Kollegen fluchen. Mit den Kollegen schweigen. Sich von Kollegen verabschieden. Den Bus nach Hause nehmen und mit überreizten Netzhäuten auf glühende Displays starren. Persönliche Nachrichten dechiffrieren und spätestens bei der Interpretation kläglich scheitern.

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WordPress öffnen, auf das Bleistiftsymbol klicken und von Anfang an keinen Schimmer haben, was man eigentlich schreiben will. Kein Schimmer, schimmer, schimmer.. Schimmer. Gestern Abend wieder durch die Stadt gelaufen, nur um sich von einem Ort zum Nächsten treiben zu lassen. Am Morgen wieder mit dem ersten Bus nach Hause. Sich zwischendurch fragen, was das alles soll. Aufregung gleich null, weil alles mit dem Gesicht im Kopfkissen endet.

Sehr nette Barfrau in der Hafenstraße kennen gelernt. Gespräch über das Offensichtliche, über Betrunkene und Kneipen. Darüber, wie schön es sein kann sich einfach in eine Bar zu setzen, einem guten DJ zuzuhören und dabei sein Bier zu trinken. Einigkeit darüber, das man sich nicht immer mit anderen unterhalten muss. Sich mit der Flasche in der Hand auf einem sehr nüchternen Level sehr verstanden gefüllt. Äh. Gefühlt mein ich. Aufrichtiger und herzlicher Smalltalk schlägt affektiertes Intellektuellengeschwaller die zweitausendachtundvierzigste.

Nach dem Aufwachen die Notizen auf dem kaputten Smartphonedisplay durchgehen und versuchen die kryptischen Textnachrichten an sich selbst zu entschlüsseln. „Alles was ich will, ist alles was du weißt.“ Was soll das? Hat vielleicht mit einem Song zu tun, der letzte Nacht gespielt wurde. Einen Liter Wasser trinken, duschen gehen.

Du bist dreizehn Jahre alt und zwischen dir und dieser Welt ist keine Angst, die du nicht bewältigen könntest. Du siehst sowas von verflucht klar. Im Radio spielen sie gerade ständig dieses eine Lied. Darin heißt es, man solle „den Moment leben“. Findest du echt kacke, das Lied. Aber du weißt, gerade jetzt, da lebst du den Moment. Du bist der Moment. Und dir ist heiß.

Der Asphalt brennt auf deiner Haut. Du hast dein T-Shirt ausgezogen, es dir um den Kopf gewickelt und du hockst  im Schneidersitz auf dem Fahrradweg entlang der Straße. Du guckst nach links, du guckst nach rechts. Eine Herde Schafe kraxelt träge am Wasser entlang. Ein Bauer sitzt auf seinem Trekker und rollt stumpfsinnig über die weiten Felder. Fünfunddreißig Grad im Schatten zwingen alles und jeden zur Langsamkeit. Nur der Fluß ist schnell. Die Elbe drückt gewaltige Wassermassen durch das Land, als müsste sie irgendwem beweisen, dass sie niemals aufgibt.

Du spürst, wie die heiße Luft deinen Mund immer wieder austrocknet. Du sammelst Speichel und benetzt damit Lippen, Zähne, die Innenseite deiner Wangen und den Raum unterhalb der Zungenspitze. Es braucht nur einen Atemzug und schon ist alles wieder staubtrocken. Wenn du die Lider schließt, siehst du rosarot. Mit einer Hand stützt du dich ab, stehst auf und gerätst dabei so sehr ins Schwanken, dass du beinahe den Deich hinunter kullerst. Einen letzten Blick wirfst du über das Wasser. Da drüben ist Niedersachsen. Dein Bruder hat einmal gesagt, da ist sogar noch weniger los als hier.

Mutter, Vater und Sohn sitzen am Frühstückstisch. Über ihnen hängt eine aus Ton geformte Uhr. Darin rudern zwei Frösche in einem Boot, das aussieht wie der Mond. Im Meer schwimmen gelbe Sterne und über ihnen sprießen die Zeiger aus dem Himmel.

Sohn: Wie lange haben wir diese Uhr jetzt schon?

Mutter: Oh. Das weiss ich nicht. Schon ewig. Die haben wir mal auf einem Weihnachtsmarkt gekauft.

Vater: Die Herstellerin hat sich dann irendwann vor einen Zug geworfen.

Kurzes Schweigen.

Mutter: Aber schöne Uhren hat sie gemacht.

Sohn: Ist ja heftig.

Der Vater blickt auf die tickende Froschuhr an der Wand.

Vater: Ja. Aber die Zeit läuft weiter.

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Die Lüftung der Kühlanlage gibt ein monotones Rauschen von sich, das Fließband dreht surrend seine Runden. Würde mich mal interessieren, wie viele Umdrehungen es an einem normalen Arbeitstag so durchläuft. Überhaupt beginnt man im Laufe dieses Aushilfsjobs über ziemlich sinnfreie Dinge nachzudenken. Hier lernt man was Langeweile wirklich ist.
Im total behämmerten Arbeitsdress (klobige Stiefel, rote Latzhose, rote taschenlose Jacke, rote starkbetaschte Weste, knallgelbe Handschuhe, weißes fein drapiertes Haarnetz) hieve ich in einer Endlosschleife durchsichtige Plastikschalen auf das Förderband und ordne sie hintereinander an. Immer wenn meine Aufmerksamkeit sinkt, verschluckt sich die Etikettiermaschine. Das vermaledeite Ding fängt an zu Piepen, dünnes Plastik wird mit einem unangenehmen Quietschen zerdrückt und ich muss die Schachteln herausfisseln. Eine Vorarbeiterin schaut mich an als hätte ich auf die gesamte Tagesproduktion uriniert . Überhaupt verlieren sie schnell die Contenance, diese Vorarbeiter. Wenn sie nicht gerade sehr schlechte Witze machen. Tun gerne so als ginge es hier um Belange von nationaler Sicherheit. Dabei verpacken wir nur Bohnen, Spargel und Sprossen. In solchen Momenten würde ich ihnen gerne die Trivialität und Unbedeutsamkeit unserer Arbeit vor Augen halten. Tu ich aber nicht. Allzu leicht könnte man erwidern das es ein Wunder sei, dass ich mich trotzdem so blöd anstelle. Stimmt auch, ich bin ein riesen Tollpatsch. Außerdem wollen die ja auch nur Geld verdienen. Nichts wofür man sich schämen muss. Stattdessen kontere ich mit einem gelangweilten Leck-mich-doch-Blick. Manchmal versuche ich die nervtötenden hohen Stimmen meiner Vorgesetzten aus meinem Kopf auszusperren. Die Psyche abkapseln und dabei den Körper noch vernünftige Arbeit abliefern lassen, das schaffen vielleicht spirituell geschulte Fakire aus Indien oder buddhistische Mönche aber ich doch nicht. Fragt Vorarbeiterin 1 Vorarbeiterin 2: „Was ist der Unterschied zwischen einem Kondom und einem Sarg?“ Vorarbeiterin 2 glotzt freudig-doof-erwartungsvoll. Die Auflösung: „In beiden liegt ein Steifer drin. Aber der eine kommt und der andere geht.“ Ich meine, bin ich das nur oder ist das nicht einfach nur furchtbar?

Männer gibt es hier wenige, dafür aber an die 30 Frauen. Alle haben sie schon mehr als vier Dutzend Sommer auf dem Buckel. Eher mehr. Fünf von ihnen sind deutsch – laut, schrill und reichlich borniert. Die anderen sind Russinnen. Obwohl meine slawischen Arbeitskolleginnen in der absoluten Überzahl sind, produzieren sie nicht annähernd so einen Lärm wie die sprücheklopfenden germanischen Gewitterhexen. Welche natürlich das Sagen haben. Ich kann verstehen, dass man bei dieser Arbeit mit der Zeit abstumpft aber diese fünf Frauen agieren tatsächlich wie Laiendarstellerinnen einer Fake-Doku auf einem Untermenschenfernsehsender. In regelmäßigen Abständen schäme ich mich für meinen Hochmut. Dann wieder für meine Schusseligkeit. Dann für Deutschland.

Nach sechs Stunden am Fließband habe ich nur noch Matsch im Kopf und bin froh, wenn ich zur Abwechslung Holzpaletten stapeln kann. Den Vorarbeitern bin ich eindeutig zu langsam. Ist mir egal. Schließlich bin ich der mit dem Ausbeutervertrag und darf immer länger bleiben als die Festangestellten. Da ist es mir dann auch Jacke wie Hose, wenn meine Aufpasser wegen mir TvTotal verpassen und heute mal nicht die neusten Kalauer von Stefan Raab abkupfern können.
Und wo ich gerade so vulgär werde, es gibt da etwas, das viele gar nicht wissen werden: Fabrikhallen sind Orte voll von angestauter Sexualität. Kenner behaupten sogar schon spontane Selbstentzündungen beobachtet zu haben. Ich nicht. Auch keine Funkenschläge. Dafür darf ich aber regelmäßig unterschwelligem bis hin zu offenkundig übersexualisiertem Gedankengut lauschen. Es ist schon irgendwie komisch wenn man mit einem großen Industriewasserstrahler den Boden von Bohnen- und Verpackungsresten befreit und ein hutzeliges Frauchen, das die eigene Großmutter sein könnte, einen auffordert man solle doch schnell mal die „fette Fleischpeitsche“ rüberschwingen. Total unqualifizierte Bemerkung. Dieses Gerät ist doch nicht im Mindesten organisch. „Schlauch“ hätte schon gereicht. Und wer noch nie eine 60-Jährige die Hüften hat rotieren sehen, während sie sich einen auf- und abfedernden Spargel vor den Schritt hält, der hat sowieso noch nicht gelebt. Über sowas kann ich aber ganz gut hinwegsehen, Männer kriegen die hier einfach selten zu Gesicht. Bei dieser Arbeit wäre es auch ein Wunder nicht mit der Zeit bescheuert zu werden. Also, so richtig bescheuert.

Obwohl ich hier gerade mal zwei Tage die Woche abreiße fühle ich mich wie ein schlesischer Weber zur Zeit der Märzrevolution. Von einem Maschinensturm auf das Etikettiergerät sehe ich vorerst noch ab. Wenn es dann soweit ist und die Luft brennt kann ich mir vielleicht Unterstützung von den Russen erhoffen. Die haben das eh besser drauf, hört man. Ihre Grundhaltung stimmt schon mal: sie wirken brummig&düster. Das macht sie leichter zu ertragen als die Vorarbeiter.
Wir passen ganz gut zusammen, die Russinnen und ich. Alle von ihnen sind klein und rundlich. Sie tragen seltsame Brillengestelle, die sie vor allem dann aufsetzen wenn sie in der Mittagspause Kreuzworträtsel mit kyrillischen Buchstaben füllen oder auf dem Bestellschein die noch zu produzierenden Kartons ablesen. Deutsch sprechen sie nur leidlich aber das Gequassel übernehmen hier sowieso die Vorarbeiter. Dafür steht immer dann eine von ihnen neben mir und greift mir unter die Arme, wenn ich es am wenigsten erwarte. Jede Woche kommen sie zu mir und fragen mich woher ich stamme. Mein Nachname klänge ja nicht sehr deutsch. Ich würde auch nicht so viel Quatsch reden. Jedes mal muss ich sie enttäuschen. Nach Feierabend verabschieden sie sich dann trotzdem mit einem „Пока“ und schenken mir verschwörerische Blicke. Etwas geschmeichelt fühle ich mich ja schon. Dann setze ich mich auf´s Rad und fahre nach Haus. Mit einem Herz voll Klassenkampf.

„Wenn da jetzt eine Bombe runterkommen würde, dann könnte ich das Ding auffangen und zurückwerfen. Das Flugzeug treffen. Und PENG.“ Marthy macht eine Wurfbewegung und schleudert einen unsichtbaren Sprengkörper in den Himmel. Ihr starrt nach oben. Aber nichts passiert. Da ist keine Explosion. Kein Feuerball und auch kein Rauch. Immer länger zieht die Passagiermaschine ihren Kondensstreifen und scheitelt den glühend blauen Himmel in zwei Hälften.

Das kleine Mädchen senkt enttäuscht den Kopf. Sie rennt los und verschwindet im Unterholz. Du guckst immer noch dem Flugzeug hinterher. Die Maschine fliegt viel zu hoch, als das du sie hören könntest. Da ist nur das Knistern der Hochspannungsmasten und das Zwitschern der Vögel. Was der Pilot wohl gerade denkt, fragst du dich. Wahrscheinlich macht er sich bereit für den Landeanflug auf Hamburg.

Du überlegst, ob du Marthy zurückrufen solltest. Nicht um ihr zu sagen, dass man das nicht tut. Das dort oben Menschen sind und wir uns so ein Unglück gar nicht vorstellen wollen. Sondern um ihr zu erklären, was es mit den Kondensstreifen auf sich hat. Dass das was man da sehen kann eine langgezogene Wolke aus Eiskristallen ist. Dass so was entsteht, wenn heiße Abgase aus den Triebwerken strömen und die Wasserteilchen im darin enthaltenen Ruß gefrieren. Dass das erst passiert, wenn die Luft kalt genug ist. Also ab einer Höhe von 8 bis 10 Kilometern.

Du guckst dem Mädchen nach. Sie spielt zwischen den Bäumen, packt große Flatschen nasses Laub mit ihren Händchen, wirft es in die Luft und lässt es auf sich niederregnen. Rotiert wie ein kleiner Drehkreisel mit dunklem Haarschopf. Keine Chance für eine Lehrstunde in Physik. Außer dem schönen Wort „Kristall“, käme nichts interessantes für sie dabei rum. Also lässt du sie spielen. Starrst dem Flugzeug nach, streckst die Faust gen Himmel. So, dass sie sich mit dem Menschenvogel deckt. Reißt sie auf und sagst leise. Peng.

Eine Kaugummiblase platzt und heraus strömt heißer Atem als feiner Dampf. Die kalte Nachtluft ist getränkt von den Abgasen der Straße und Zigarettenrauch sammelt sich unter dem gläsernen Dach der Haltestelle. Neonröhren tauchen den Busbanhof in ein unversöhnliches Gelbgrün. Das Licht läßt jeden Wartenden erscheinen, wie einen einsamen Planeten. Wir sind lebende Organismen in der Kälte eines grobkörnigen Universums, befremdlich und abgelegen, nah beieinander und unendlich fern. Ein sterbender Stern trägt Hausschuhe bei minus drei Grad und Kotzeflecken auf der zerfetzten Übergangsjacke. Die Zutaten eines Döners hängen in seinem filzigen Bart und unter seinem Arm klemmt eine Flasche Coca Cola, in der nicht nur  Coca Cola ist. Eine Kollision von Himmelskörpern geschieht am Fahrplanaushang. Zwei Männer brüllen sich auf russisch an und tänzeln in Boxerposen besoffen aufeinander zu. Der schönste Meteor am Himmel ist ein großes Mädchen, dass im Abseits steht und rosa Blasen platzen läßt.

Sie beschwert sich über die Oberflächlichkeiten  der Welt und hat Tinder installiert.

Ihre zu kurz geratenen Argumentationsketten stammen aus den überlangen Artikeln für das Bildungsbürgertum.

Das Risiko geschmacklos zu  erscheinen besteht nicht, schließlich ist sie immer gut informiert. Geschmacklos ist sie nur, wenn das ironische Moment dabei für jeden erkennbar ist und sie trotzdem noch gut aussieht.

Sie liebt die deutsche Sprache und was man damit machen kann –  Grammatik bitte nicht verschandeln!

Für die unreflektierte Zuhörerschaft gibt es Moral aus der Tube.

Am Ende wird das Blech gerollt, alles andere wäre nicht nachhaltig.
Sie sagt, wer das Wort Fotze benutzt, ist ein sexistisches Monster.

Wer Tarnfarben trägt, schmückt sich mit den Federn des Krieges.

Und wer ihr länger als fünf Minuten zuhören kann, ist wahrscheinlich tot.

 

 

 

 

Der typische Amsterdammer Kiffertourist ist kein Hippie.

Der typische Amsterdammer Kiffertourist frißt sich mit Nestléprodulten voll und knallt sich ausschließlich mit den härtesten Grassorten zu, bis er so high ist, das er vergisst nach dem Kacken zu spülen.

Dankeschön.

Der typische Amsterdammer Kiffertourist ist ein Tourist.

durch die einkaufszone der millionenstadt fliesst ein strom aus menschen.
hier, wo alle leute gleich sind, solange sie nur geld haben, wandelt sie wie eine lebendige leiche.
die arme ueber die brust gekreutzt, wie man es mit toten tut, die man in einer letzten wuerdevollen geste unter die erde bringt.
ihre haltung sagt alles.
sie sagt dasselbe, wie ihre dunkle haut, die genauso braun ist wie aschfahl.
sagt dasselbe, wie ihre augen, die leblos und betaeubt wirken.
hinter den lidern liegt der schmerz, wie eine tiefe schwarze see.
alles an der koerperlich jungen frau schreit dieselben zwei worte heraus.
ich sterbe.

die unnatuerlichkeit ihrer pose ist verstoerend.
niemand, dem es psychisch auch nur halbwegs gut geht, laeuft so durch diese welt.
sie gibt sich selbst eine umarmung.
spuert die waerme der eigenen haut und wuenschte, es waere die eines anderen.
wiegt sich wie ein kind in der anonymen masse.
wer bist du und was hat man dir angetan.
so schnell wie sie aufgetaucht ist, wird sie auch wieder verschluckt.