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Archiv für den Monat Juli 2013

Friedemann Weise hat sich vom ulkigen Dreadlock-Liedermacher zum Satirestar des Webs gewandelt. Sein Obama Bilderwitzchen (“Mein Vater sagt, Sie können in meinen Computer gucken! – Das ist nicht dein Vater.”) ging um die ganze Welt und wurde in etliche Sprachen übersetzt und geteilt. Schleckysilberstein.com , unser aller liebste Seite zum Vertreiben von zähmassiger Langeweile, nannte ihn den lustigsten Menschen im deutschsprachigen Internet. Auf Youtube startete der Kölner die Serie “DIYse- Do it yourself mit Friedemann Weise”, in der er nützliche oder eher total unnütze Tipps für das Überleben in der modernen Welt preisgibt. Etwa, wie man richtig Nachrichten tanzt. Oder: Wie man sich aus Papier und Gaffa-Tape einen extrem häßlichen Weihnachtsmannbart bastelt.

Neuerdings gibt Friedemann Weise an, der neue Wahlkampf-Leiter der SPD zu sein. Ob die Werbespots, die diesem kranken Hirn entspringen wirklich irgendjemanden dazu veranlassen könnten, sein Kreuz für besagte Partei zu machen – über diese Frage könnte man wohl eine psychologische Doktorarbeit schreiben. Hier mal ein kleiner Einblick.

Fans von „Game of Thrones“ könnte auch die Fernsehserie „Vikings“ mehr als gut gefallen. Und gerade wer schon jetzt mit der dritten Staffel des Fantasyepos durch ist, für den ist dies die Chance, noch ein wenig in einer Welt zu verweilen, in der  Schwert und Götter regieren. Denn wie fühlen wir uns nach jeder großartigen Serie, die wir bis zum Ende schauen? Genau. Wir sind beglückt durch die vielen spannenden Wendungen – aber auch traurig, dass dieses Abenteuer vorerst zu Ende ist.

Gut, in Vikings stehen  politische Verflechtungen nicht ganz  so sehr im Mittelpunkt wie bei GoT. Die Handlung spielt nicht auf einer der Phantastie entsprungenen Weltkugel,  sondern irgendwo in Skandinavien. Auch gibt es hier nicht soviel Hokuspokus – vielmehr geht es oft um religiöse Riten und den menschlichen Glauben. Wobei manacher sicher sagen würde, dass das doch das selbe ist. Der große gemeinsame Nenner ist natürlich das Gemetzel, eindrucksvolle Kulissen und wundervolle Kostüme. Das Eintauchen in eine Welt der Krieger und Mythen.

Vielleicht noch die Rahmenhandlung in kürze: Der Vikinger Ragnar Lodbrok entwickelt einen Sonnenkompass und segelt mit dessen Hilfe zum Plündern in den noch unbekannten  Westen – entgegen den Anweisungen seines Gebieters. And here we go. Mord und Totschlag, Intrigen aber wie schon erwähnt: auch eine kleine Studie des menschlichen Glaubens. Denn  abgesehen von den Schätzen, die die Wikinger aus einem englischen Kloster rauben, bringen sie auch einen christlichen Mönch als Sklaven mit nach Hause. Immer wieder geht es um Gegensätze und Gemeinsamkeiten des germanischen Götterkults und des Christentums.

Ich gebe zu: erst dachte ich, diese Serie scheint etwas simpel gestrickt zu sein. Simpel, wie auch ihre Charaktere es waren. Wie ich glaubte, dass sie es waren. Aber mit jeder Folge gewinnen Geschichte und Darsteller an Tiefe.  Das ist ein großartiges Format, das History Television da aus dem Ärmel gezaubert hat. Ich meine, wo sonst kriegt man so Sätze zu hören wie: „.. und als man sie enthauptete, da steckten sie ihnen ihre Gesichter in die Hintern.“

„Ich wäre gern ein bodenständiger Mann,“ sagt Merle.

„Und stattdessen bist du das emotionalste Mädchen der Bundesrepublik,“ erwiedert Ronja. Sie lacht ihrer Schwester ins Gesicht.

„Ja. Eben. Ich wäre gern ein großer starker Mann. Mit Muskeln, Bart und Haaren überall. Und ohne Liebskummer. Niemals hätte ich Liebeskummer.“

Ronja spielt gelangweilt mit ihrem Telefon herum. Merle redet weiter.

„Ich würde mir keine Gedanken machen, was die und die Schlampe von mir denkt. Meine Zeit würde ich nur mit produktiven Dingen zubringen. Dingen, die in etwas handfestem resultieren. Die mich weiter bringen. Über Gedichte würde ich nur lachen, Bücher bräuchte ich höchstens um Insekten totzukloppen und in meiner Freizeit würde ich mit einem Sechser Bier vor Szenekinos rumhängen und jeden auslachen, der in französische Spielfilme geht.“

Ronja blickt auf und sagt: „Jetzt ruf ihn doch endlich zurück.“

Auf der Bahnfahrt von Hamburg nach Kiel besetze ich einen Fensterplatz. Am Dammtorbahnhof steigt eine Frau um die 60 mit ihrem Mann hinzu und lässt sich mir gegenüber nieder. Sie fängt sofort an zu telefonieren. Auf Polnisch, glaube ich. Könnte aber auch etwas anderes sein. Auffallend ist jedenfalls, dass ihr Mann – und ich bin mir sicher, dass es sich um ihren Mann handelt, da sie sich noch eben gegenseitig über die Hände streichelten und beide dieselben goldenen Ringe tragen – sich nicht zu uns setzt, sondern auf der schräg gegenüberliegenden Bank platz nimmt. Während sie also mit leidgeplagter Stimme irgendwelche mir unverständlichen Dinge ins Mobiltelefon blubbert verheddere ich mich in die Kopfhörerkabel meines Mp3-Players. Den habe ich gleich beim Einsteigen eingeschaltet, um auch ja nicht Gefahr zu laufen, mich mit irgendjemandem unterhalten zu müssen. Derweil kramt dieser schnauzbärtige Kauz ein loses weißes Blatt Papier aus einer bunten Boulevardzeitschrift. Kurz darauf zückt er einen Kugelschreiber und fängt ganz offensichtlich an, etwas zu zeichnen. Da er mir ja gegenüber sitzt, kann ich nicht erkennen, worum es sich bei dem Objekt seines kreativen Schaffens handelt. Ich versuche unauffällig aus den Spiegelungen der benachbarten Fensterscheibe schlauer zu werden, aber die zerrt alle Umrisse in die Länge und irritiert meine Augen durch die gelben Lichter der vorbeiziehenden Wohnschluchten. Also gebe ich es auf – und merke, dass der Typ mich seinerseits immer wieder flüchtig doch regelmäßig mustert. Der Moment, in dem man sich darüber klar wird, dass man sich die ganze Zeit gegenseitig beobachtet hat, ist immerzu wunderlich. Ich versuche es mit einem freundlichen Lächeln, doch der Herr Künstler reagiert nicht, sondern wühlt nur geschäftig in seiner Zeitschrift herum, zückt ein neues Blatt und springt auf den freien Platz vor ihm. Jetzt nimmt er sich einen müde ausschauenden Geschäftsmann zwei  Reihen weiter vor. Ich habe freie Sicht und stelle fest, dass sich das Resultat tatsächlich sehen lassen kann. Eine schnelle aber – sofern ich das aus dieser Entfernung zu erkennen vermag – sehr präzise Strichführung. Den Schlipsträger hat er jedenfalls gut getroffen. Dann wird die Bahn langsamer und aus den Lautsprechern kündigt eine Frauenstimme die Haltestelle Pinneberg an. Die Gattin beendet ihr Telefonat und fängt an ihren Mann hoch zuscheuchen. Der packt hektisch Papier und Kugelschreiber in die Zeitschrift und blättert dabei ein paar Seiten um. Für Sekunden schauen mich die Gesichter an. Eine alte Frau mit hohlen Wangenknochen, ein Junge mit kurzem stacheligen Haar, ein nur halb beendetes Mädchen. Und dann muss das Paar auch schon aussteigen.Ich fahre weiter und habe noch einen schönen Abend in einer Kieler Bar, der damit endet, das ich mich in einen Schneehaufen übergebe.