Mein Gesicht in der polnischen Illustrierten

Auf der Bahnfahrt von Hamburg nach Kiel besetze ich einen Fensterplatz. Am Dammtorbahnhof steigt eine Frau um die 60 mit ihrem Mann hinzu und lässt sich mir gegenüber nieder. Sie fängt sofort an zu telefonieren. Auf Polnisch, glaube ich. Könnte aber auch etwas anderes sein. Auffallend ist jedenfalls, dass ihr Mann – und ich bin mir sicher, dass es sich um ihren Mann handelt, da sie sich noch eben gegenseitig über die Hände streichelten und beide dieselben goldenen Ringe tragen – sich nicht zu uns setzt, sondern auf der schräg gegenüberliegenden Bank platz nimmt. Während sie also mit leidgeplagter Stimme irgendwelche mir unverständlichen Dinge ins Mobiltelefon blubbert verheddere ich mich in die Kopfhörerkabel meines Mp3-Players. Den habe ich gleich beim Einsteigen eingeschaltet, um auch ja nicht Gefahr zu laufen, mich mit irgendjemandem unterhalten zu müssen. Derweil kramt dieser schnauzbärtige Kauz ein loses weißes Blatt Papier aus einer bunten Boulevardzeitschrift. Kurz darauf zückt er einen Kugelschreiber und fängt ganz offensichtlich an, etwas zu zeichnen. Da er mir ja gegenüber sitzt, kann ich nicht erkennen, worum es sich bei dem Objekt seines kreativen Schaffens handelt. Ich versuche unauffällig aus den Spiegelungen der benachbarten Fensterscheibe schlauer zu werden, aber die zerrt alle Umrisse in die Länge und irritiert meine Augen durch die gelben Lichter der vorbeiziehenden Wohnschluchten. Also gebe ich es auf – und merke, dass der Typ mich seinerseits immer wieder flüchtig doch regelmäßig mustert. Der Moment, in dem man sich darüber klar wird, dass man sich die ganze Zeit gegenseitig beobachtet hat, ist immerzu wunderlich. Ich versuche es mit einem freundlichen Lächeln, doch der Herr Künstler reagiert nicht, sondern wühlt nur geschäftig in seiner Zeitschrift herum, zückt ein neues Blatt und springt auf den freien Platz vor ihm. Jetzt nimmt er sich einen müde ausschauenden Geschäftsmann zwei  Reihen weiter vor. Ich habe freie Sicht und stelle fest, dass sich das Resultat tatsächlich sehen lassen kann. Eine schnelle aber – sofern ich das aus dieser Entfernung zu erkennen vermag – sehr präzise Strichführung. Den Schlipsträger hat er jedenfalls gut getroffen. Dann wird die Bahn langsamer und aus den Lautsprechern kündigt eine Frauenstimme die Haltestelle Pinneberg an. Die Gattin beendet ihr Telefonat und fängt an ihren Mann hoch zuscheuchen. Der packt hektisch Papier und Kugelschreiber in die Zeitschrift und blättert dabei ein paar Seiten um. Für Sekunden schauen mich die Gesichter an. Eine alte Frau mit hohlen Wangenknochen, ein Junge mit kurzem stacheligen Haar, ein nur halb beendetes Mädchen. Und dann muss das Paar auch schon aussteigen.Ich fahre weiter und habe noch einen schönen Abend in einer Kieler Bar, der damit endet, das ich mich in einen Schneehaufen übergebe.

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