Alkas Unglück

Vor einem mehrstöckigem grauen Wohngebäude in der Süderstraße sitzt Alka auf einem Rollator. Ein Gerät wie es sonst die Rentner im Supermarkt vor sich herschieben. Nur ist Alka kein Rentner, sondern 37 jahre alt. So groß, breit und muskelbepackt, dass es aussieht als klebte diesem Riesen ein Babystuhl am Hintern. Jetzt schaut er verbittert auf die rot gepflasterte Straße. Dunkelhaarige Kinder spielen mit Wasserpistolen, schreien, lachen, triumphieren.

Als man ihn zum ersten mal hierher karrte, auf einer kaputten Gehhilfe vom Sperrmüll, da hatten die Jungen und Mädchen sich nicht in seine Nähe getraut. Zu mächtig war seine Erscheinung gewesen, zu bedrohlich seine schnaubenden Nüstern, zu unheimlich sein kalter Blick, untermalt von feinen schwarzen Linien auf den Lidern, die aussehen als hätte man sie mit einem Kajalstift gezogen. Als die Heranwachsenden dann erkannt hatten, dass der Riese sich kaum regen konnte, war ihre Furcht bald verschwunden. Erst machten sie sich einen Spaß daraus, zu testen, wer sich am weitesten an den „Ochsen“ herantraute. Der Ochse. So nannten die Alten Alka und die Kinder taten es ihnen gleich. Natürlich verlor dieses Spiel sehr schnell seinen Reiz. Denn Alka blieb still. Er zuckte nichtmal mit den Wimpern seiner kristallklaren Augen. Vom respekteinflößenden Monster verkam er binnen kürzester Zeit zu einem Bestandteil des Straßenbildes. Als solcher erfuhr er von den Kindern nur hin und wieder dadurch Beachtung, dass sie ihn als Hürde beim Fangenspielen gebrauchten.

Während um ihn herum alles lebt, alles tobt und alles wächst, während selbst die wilden Hecken vor der dunklen Wohnblocksiedlung bunte Blüten tragen, da wird Alka jeden Tag etwas kleiner. Die kräftigen Muskeln über die sich noch heute seine dunkle Haut spannt, schwinden von Woche zu Woche. Immer mehr sackt sein Körper in sich zusammen. Und irgendwo in Brașov sitzt eine junge Frau, die noch nichts weiss von Alkas Unglück.

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