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Archiv für den Monat Dezember 2013

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Ich stehe mit Icaro im chinesischen Viertel Downtown. Die Ampeln hier haben ihr eigenes Piktogram, ein Symbol, dass aussieht wie ein asiatischer Tempel. Ähnliches habe ich auch schon im Finanzviertel gesehen.  Dort war es die Form eines modernen Kunstbaus, das von den Verkehrszeichen imitiert wurde. Ich finde dieses  Detail sehr lustig, in Deutschland wäre das angesichts unserer Regulierungswut wohl undenkbar. Icaro, der kein Deutsch aber dafür Englisch spricht, bietet mir eine Zigarette an. Nagut, überredet. „Das ist die älteste Kirche hier im ganzen Viertel.“, erkläSDC109322rt er mir und zeigt auf eine kleine blaue Kapelle. Durch die offene Tür sieht man den weißgekleideten Priester in ein Mikrofon sprechen. Irgendwie komisch, denn die vielleicht zehn bis zwölf Gläubigen, die vor ihm auf den Holzbänken sitzen, sollten ihn eigentlich auch so gut verstehen können. Naja, vielleicht hat der Mann zuviel geraucht. Ich will Icaro sein Feuerzeug zurückgeben und halte es in sein Sichtfeld. „Die Stadt würde das Ding am liebsten abreißen. Geht aber nicht. Wegen Denkmalstatus und so“, fährt er fort. Ich wedel mit dem roten Stück Plastik vor seiner Nase rum. „Das ist mit  einigen der Gebäude hier so. Letztendlich wird dann einfach irgendwie drumrum gebaut.“ Ich erzeuge Funken direkt vor seinem Gesicht. „Schon komisch, oder?“, fragt er, wendet den Kopf zu mir und erschrickt vor meiner Hand. Ich habe ihm das Teil gefühlte zwei Stunden vor die Nase gehalten. Die Erklärung folgt sodann: Icaro ist als Kind gegen einen Türgriff gerannt und seither auf einem Auge blind. Sieht man aber gar nicht – und erklärt auch seinen verrückten Fahrstil.

Wobei, der Rest der Verkehrsteilnehmer fährt auch SDC109191nicht besser. Das Auge wird wohl doch nicht der Grund sein. Alles fährt kreuz und quer, schon allein um den endlosen Schlaglöchern auszuweichen. Wir hupen jeden an, der uns entgegenkommt. Icaro sagt, Hupen gehört in Brasilien zum guten Ton. Wir hupen den Straßenfeger an und winken ihm freundlich zu, er erwiedert die Geste lachend. Wir hupen den Vordermann an, der zu lange an der Ampel braucht. Wir hupen das Mädchen an, das im Bus eingeschlafen ist und mit dem Kopf gegen die Scheibe lehnt. Nur die zwei düsteren Typen im komplett zerschossenen Mercedes – zerschossen ist hier wortwörtlich zu nehmen, manche der Einschusslöcher sind notdürftig zugekleistert, andere wohl noch frisch – die hupen wir mal vorsichtshalber nicht an. Ansonsten aber alles und jeden. Straßenteilnehmer, denen auch das oft nichts mehr nützt sind die Motorradfahrer. Zweimal in zwei Tagen sah ich nun schon am Boden liegende Biker, umringt von Zivilisten und Polizeibeamten. Inklusive Blut auf dem Asphalt.

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Der Flug von Frankfurt nach São Paulo: etwas anstrengend. Nach Betreten des Flugzeugs muss ich feststellen, dass mein Sitzplatz neben dem einer französischen Mutter mit Baby gelegen ist. Im Mittelgang zu meiner linken findet sich eine Familie mit zwei weiteren Kleinkindern ein . Grund hierfür: Ich sitze vor einer Trennwand, an der Vorrichtungen zum Anbringen von transportablen Wiegen befestigt sind. Na, großartig. Tatsächlich verlaufen der Start und auch die meisten der darauffolgenden Stunden aber noch relativ entspannt. Bis die Kinder um c.a. 5 Uhr morgens aus ihrem, bis dato äußerst festen, Schlaf erwachen. Dann geht das Geplärre los. Wasser auf die Mühlen meiner Kopfschmerzen. Die Erkältung bin ich eindeutig noch nicht los. Ich lächle freundlich und frage mich, ob der Knirps neben mir wohl durch das Bullauge passen würde.

Am Flughafen werde ich von meinem Cousin Alexandre einem seiner Freunde, Icaro, abgeholt. Es ist 8 Uhr morgens und  schon über zwanzig Grad warm. Icaro nimmt mir die Winterjacke ab – doppelte Knopfreihe, maritimer bis militärischer Schnitt – schlüpft hinein und vollführt eine grausam schlechte aber erheiternde Hitlerimitation. Ein Klassiker für Witzbolde weltweit, die auf einen Deutschen treffen. Wir steigen in einen Wagen. Durch das heruntergekurbelte Autofenster sammle ich meine ersten Eindrücke der Stadt. Wir brausen über die Schnellstraße, vorbei an großen Baustellen und vereinzelten, saftigen Grünstreifen.  Dort stehen Palmen, mir fremde Bodengewächse mit langen spitzzulaufenden Blättern, kräftige Bäume, z.T. umschlungen von lianenartigen Geflechten und andere mit weit ausladenden Kronen. Aus dem Radio kommt amerikanischer Country. Wir fahren vorbei an drei großen Gefängnissen mit verwaschenen grauen Mauern und verlassen aussehenden Wachtürmen.  Zwei für Männer, eins für Frauen, erklärt Alexandre. Wir unterqueren eine Brücke, an der meterhoch Dreck lagert. Ein Mann in abgerissener bunter Sportkleidung stochert darin herum. Durch das Fenster dringt ein widerlicher Geruch. An den Straßenrändern strampeln sich Rennradfahrer in voller Montur ab. Der Rio Tietê fließt zu unserer Linken, offensichtlich ein kranker Fluss. An seinen Rändern lagert Müll und Schrott. Überall wachsen Hochhäuser aus dem Boden, die meisten scheinen zum Wohnen gebaut. Aber je tiefer wir in die Stadt hineinfahren, desto mehr bürokratische Glaspaläste ragen in den Himmel. Oft keine hundert Meter weiter sieht man die berühmtberüchtigten Favelas. Kleine improvisierte Schachtelhäuschen aus orangenen Backsteinen und dicken Mörtelschichten, obenauf das dunkle Wellblech. Die Armutsviertel wuchern vor allem an abschüssigen Hängen. Vor einem der Eingänge eines solchen Viertels treten Kinder barfuß einen Ball durch die Gegend. Eine alte Frau hockt neben ihnen auf einer Getränkekiste und raucht. Da draußen ist so vieles. Ich lehne mich zurück und döse ein.

 

 

 

Sicherheitskontrolle. „Einmal alles ablegen und die Taschen leeren. Hier in die Plastikschalen, bitte.“ Na, sicher Chef. „Nichts vergessen? Dann einmal durch die Schranke treten.“ Pieppieppiep. „Hören Sie mal, warum piepen Sie denn?“, sagt der Uniformierte und wedelt mit einer elektronischen Kelle vor mir rum, die ein hohes Fiepen erzeugt, sobald sie die Höhe meiner Hüften erreicht. „Äh, ja..“, stammel ich. Uniformen machen mich nervös. Haben sie schon immer. Zweck erfüllt.  „Das ist mein Schlüßelanhänger. Sorry.“ ich fummel den kleinen grünen Karabiner von einer der hinteren Gürtelschlaufen meiner Hose. „Den müssen Sie natürlich abnehmen,“ sagt der junge Sicherheitsmann. Dabei klingt er nicht nur mahnend, neutral sowieso nicht, sondern total herrisch. „Das habe ich natürlich vergessen,“ sage ich, wobei ich seine Betonung nachahme. Jetzt ist aber gut, ich will ja keinen Ärger. „Hinter die Trennwand und die Füße auf den Hocker stellen..,“ okay, vielleicht kam das doch etwas flapsig rüber. Jetzt bloß schnell tun was der sagt. Ich steh mit beiden Beinen auf dem Hocker. Das war zu schnell. Der ist noch gar nicht fertig mit seinem Satz: „…einzeln. Zuerst den Linken.“ Da stehe ich aber schon 30 cm über dem augenrollenden Sichherheitsfuzzi. Also wieder runter, den ganzen Körper mit der Fiepskelle abkellen lassen, die beim Kellen keinen Fieps mehr gibt. Alles klar, danke dafür, tschüß. Beim Start der Maschine fresse ich im Eiltempo den Inhalt einer Crackertüte auf, welche mir beim Betreten des Flugzeugs von einer Stewardess gereicht wurde. Habe ich schon gesagt, dass mich das hier ganz schön nervös macht? „Mich macht das ganz schön nervös hier,“ sage ich zu meinem Sitznachbar, einem Baseballmützenträger in meinem Alter. Der guckt mich verständnislos an und hält mich wahrscheinlich für ein total obskures Landei. Na, dann nicht. Ich will auch eigentlich gar nicht reden. Wir heben ab. ich würge die letzten Cracker runter und hätte gerne Nachschlag. Durch das Bullauge kann man auf das spätabendliche Hamburg hinabblicken. Erst sind die Lichter noch ganz nah: Sehr viele orange, viele gelbe, einige rote und ganz vereinzelt mal ein grünes. Lichter der Fenster, Lichter der Autos, der Laternen, der Straßen und Strommasten. Lichter in Linien, Lichter in Reihen, Lichter in Feldern und chaotische Lichter. Langsam werden sie von der Entfernung und der Dunkelheit verschluckt. Bis die Stadt nur noch aussieht wie ein Häuflein verglimmender Kohlen, mitten im Nichts. Dann fängt alles an zu Ruckeln. Klapperndes Plastik, wippendes Fleisch. Mein Kopf fühlt sich plötzlich an, als hätte man mir einen Luftballon durch die Nase ins Hirn geschoben und angefangen, ihn mit kräftigen Atemzügen aufzupusten. Mit einem gut hörbaren Flupp-Geräusch durchbricht das Flugzeug die Wolkendecke. Alles ist weiß. Das kann gar nicht sein, denn draußen ist es dunkel. Aber in meiner Erinnerung wird alles verschwimmen und alles was ich von jetzt an erinnere ist weißer Nebel.