Verrückt in den Straßen

SDC10936

Ich stehe mit Icaro im chinesischen Viertel Downtown. Die Ampeln hier haben ihr eigenes Piktogram, ein Symbol, dass aussieht wie ein asiatischer Tempel. Ähnliches habe ich auch schon im Finanzviertel gesehen.  Dort war es die Form eines modernen Kunstbaus, das von den Verkehrszeichen imitiert wurde. Ich finde dieses  Detail sehr lustig, in Deutschland wäre das angesichts unserer Regulierungswut wohl undenkbar. Icaro, der kein Deutsch aber dafür Englisch spricht, bietet mir eine Zigarette an. Nagut, überredet. „Das ist die älteste Kirche hier im ganzen Viertel.“, erkläSDC109322rt er mir und zeigt auf eine kleine blaue Kapelle. Durch die offene Tür sieht man den weißgekleideten Priester in ein Mikrofon sprechen. Irgendwie komisch, denn die vielleicht zehn bis zwölf Gläubigen, die vor ihm auf den Holzbänken sitzen, sollten ihn eigentlich auch so gut verstehen können. Naja, vielleicht hat der Mann zuviel geraucht. Ich will Icaro sein Feuerzeug zurückgeben und halte es in sein Sichtfeld. „Die Stadt würde das Ding am liebsten abreißen. Geht aber nicht. Wegen Denkmalstatus und so“, fährt er fort. Ich wedel mit dem roten Stück Plastik vor seiner Nase rum. „Das ist mit  einigen der Gebäude hier so. Letztendlich wird dann einfach irgendwie drumrum gebaut.“ Ich erzeuge Funken direkt vor seinem Gesicht. „Schon komisch, oder?“, fragt er, wendet den Kopf zu mir und erschrickt vor meiner Hand. Ich habe ihm das Teil gefühlte zwei Stunden vor die Nase gehalten. Die Erklärung folgt sodann: Icaro ist als Kind gegen einen Türgriff gerannt und seither auf einem Auge blind. Sieht man aber gar nicht – und erklärt auch seinen verrückten Fahrstil.

Wobei, der Rest der Verkehrsteilnehmer fährt auch SDC109191nicht besser. Das Auge wird wohl doch nicht der Grund sein. Alles fährt kreuz und quer, schon allein um den endlosen Schlaglöchern auszuweichen. Wir hupen jeden an, der uns entgegenkommt. Icaro sagt, Hupen gehört in Brasilien zum guten Ton. Wir hupen den Straßenfeger an und winken ihm freundlich zu, er erwiedert die Geste lachend. Wir hupen den Vordermann an, der zu lange an der Ampel braucht. Wir hupen das Mädchen an, das im Bus eingeschlafen ist und mit dem Kopf gegen die Scheibe lehnt. Nur die zwei düsteren Typen im komplett zerschossenen Mercedes – zerschossen ist hier wortwörtlich zu nehmen, manche der Einschusslöcher sind notdürftig zugekleistert, andere wohl noch frisch – die hupen wir mal vorsichtshalber nicht an. Ansonsten aber alles und jeden. Straßenteilnehmer, denen auch das oft nichts mehr nützt sind die Motorradfahrer. Zweimal in zwei Tagen sah ich nun schon am Boden liegende Biker, umringt von Zivilisten und Polizeibeamten. Inklusive Blut auf dem Asphalt.

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