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Archiv für den Monat Februar 2014

Ein weiteres mal tauchen wir ein in die Hochhausschluchten der Stadt. Alexandre lenkt den Wagen, ich sitze auf dem Beifahrersitz und auf der Rückbank turnt Icaro unruhig hin und her. Anschnallgurt: Fehlanzeige. Als wSDC10948ir eine Gruppe Mädchen passieren, läßt er es sich nicht nehmen,  nach vorne zu klettern und mit der Faust auf die Hupe zu hämmern, um sich anschließend aus dem Fenster zu lehnen und laut und schrill „Ayayayhayay“ zu kreischen. Ich muss lachen und gleichzeitig verschämt die Hand vor Augen halten. Es ist stark bewölkt und obwohl man sie nicht sehen kann, brennt die Sonne auf der Haut. Dicke warme Luft strömt in den Wagen und durchflutet die Lungenflügel. Wir rollen vorbei an Supermärkten mit bunt gestrichenen Fassaden, an Straßenhändlern mit Holzkarren voller Früchten, an einer Gruppe dunkelhäutiger Männer, die nur in kurzen Hosen bekleidet auf dem Kantstein hocken, wild gestikulieren und  eine Plastikflasche voll brauner Flüßigkeit miteinander teilen. Immer entlang der niedrigen Strommasten, die einen schier unglaublichen Wust an Kabeln tragen und vollkommen überladen unter der Last von schwarzgummierten Kupfer ächzen.

Wir kaufen Zuckerrohrsaft von einem Verkäufer, der diesen in seinem alten VW-Bus mit einer Maschine fabriziert, die ein wenig an einen Schredder erinnert. Cana de açucar ist weiß, süß und kann mit Limonen oder Cranberry-Geschmack bestellt werden. Beides schmeckt gut. Nun wird es langsam dunkel. Das bedeutet, man sollte sich nicht mehr aus den Menschenströmen herauslösen. „Tagsüber ist das kein Problem. Da muss man nur auf Taschendiebe aufpassen. Aber Nachts sind hier größtenteils Junkies und Prostituierte untwerwegs. Überfäl2013-12-27le sind dann nichts ungewöhnliches mehr.“ Also fließen wir in einem bunten Strom den Bordstein entlang. In einer vollbestzten Bar spielt eine Sambaband, einige Leute tanzen, die meisten aber sitzen draußen an kleinen runden Tischen und schaffen es mit ihrem Stimmengewirr beinahe die Musik zu übertönen. Vor einem Erotikkino stehen ein paar Transvestiten in kurzen bunten Kleidern. Auf Stöckelschuhen und mit stolzem Blick schauen sie auf die Menschenflut herab. Händler preisen  Pornofilme für Liebhaber verschiedenster Stilrichtungen an. Auf der anderen Straßenseite erstreckt sich ein großer Park in tiefem, tiefem grün. Die Farbe wirkt so saftig, der Anblick so idyllisch und die dunklen Zwischenräume der majestätischen Pflanzen so beruhigend, dass man am liebsten hinübergehen würde, um sich darin zu verlieren. Aber jeder hier weiß: Das tut man zu dieser Uhrzeit einfach nicht.