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Archiv für den Monat November 2014

Die Lüftung der Kühlanlage gibt ein monotones Rauschen von sich, das Fließband dreht surrend seine Runden. Würde mich mal interessieren, wie viele Umdrehungen es an einem normalen Arbeitstag so durchläuft. Überhaupt beginnt man im Laufe dieses Aushilfsjobs über ziemlich sinnfreie Dinge nachzudenken. Hier lernt man was Langeweile wirklich ist.
Im total behämmerten Arbeitsdress (klobige Stiefel, rote Latzhose, rote taschenlose Jacke, rote starkbetaschte Weste, knallgelbe Handschuhe, weißes fein drapiertes Haarnetz) hieve ich in einer Endlosschleife durchsichtige Plastikschalen auf das Förderband und ordne sie hintereinander an. Immer wenn meine Aufmerksamkeit sinkt, verschluckt sich die Etikettiermaschine. Das vermaledeite Ding fängt an zu Piepen, dünnes Plastik wird mit einem unangenehmen Quietschen zerdrückt und ich muss die Schachteln herausfisseln. Eine Vorarbeiterin schaut mich an als hätte ich auf die gesamte Tagesproduktion uriniert . Überhaupt verlieren sie schnell die Contenance, diese Vorarbeiter. Wenn sie nicht gerade sehr schlechte Witze machen. Tun gerne so als ginge es hier um Belange von nationaler Sicherheit. Dabei verpacken wir nur Bohnen, Spargel und Sprossen. In solchen Momenten würde ich ihnen gerne die Trivialität und Unbedeutsamkeit unserer Arbeit vor Augen halten. Tu ich aber nicht. Allzu leicht könnte man erwidern das es ein Wunder sei, dass ich mich trotzdem so blöd anstelle. Stimmt auch, ich bin ein riesen Tollpatsch. Außerdem wollen die ja auch nur Geld verdienen. Nichts wofür man sich schämen muss. Stattdessen kontere ich mit einem gelangweilten Leck-mich-doch-Blick. Manchmal versuche ich die nervtötenden hohen Stimmen meiner Vorgesetzten aus meinem Kopf auszusperren. Die Psyche abkapseln und dabei den Körper noch vernünftige Arbeit abliefern lassen, das schaffen vielleicht spirituell geschulte Fakire aus Indien oder buddhistische Mönche aber ich doch nicht. Fragt Vorarbeiterin 1 Vorarbeiterin 2: „Was ist der Unterschied zwischen einem Kondom und einem Sarg?“ Vorarbeiterin 2 glotzt freudig-doof-erwartungsvoll. Die Auflösung: „In beiden liegt ein Steifer drin. Aber der eine kommt und der andere geht.“ Ich meine, bin ich das nur oder ist das nicht einfach nur furchtbar?

Männer gibt es hier wenige, dafür aber an die 30 Frauen. Alle haben sie schon mehr als vier Dutzend Sommer auf dem Buckel. Eher mehr. Fünf von ihnen sind deutsch – laut, schrill und reichlich borniert. Die anderen sind Russinnen. Obwohl meine slawischen Arbeitskolleginnen in der absoluten Überzahl sind, produzieren sie nicht annähernd so einen Lärm wie die sprücheklopfenden germanischen Gewitterhexen. Welche natürlich das Sagen haben. Ich kann verstehen, dass man bei dieser Arbeit mit der Zeit abstumpft aber diese fünf Frauen agieren tatsächlich wie Laiendarstellerinnen einer Fake-Doku auf einem Untermenschenfernsehsender. In regelmäßigen Abständen schäme ich mich für meinen Hochmut. Dann wieder für meine Schusseligkeit. Dann für Deutschland.

Nach sechs Stunden am Fließband habe ich nur noch Matsch im Kopf und bin froh, wenn ich zur Abwechslung Holzpaletten stapeln kann. Den Vorarbeitern bin ich eindeutig zu langsam. Ist mir egal. Schließlich bin ich der mit dem Ausbeutervertrag und darf immer länger bleiben als die Festangestellten. Da ist es mir dann auch Jacke wie Hose, wenn meine Aufpasser wegen mir TvTotal verpassen und heute mal nicht die neusten Kalauer von Fickfresse Stefan Raab abkupfern können.
Und wo ich gerade so vulgär werde, es gibt da etwas, das viele gar nicht wissen werden: Fabrikhallen sind Orte voll von angestauter Sexualität. Kenner behaupten sogar schon spontane Selbstentzündungen beobachtet zu haben. Ich nicht. Auch keine Funkenschläge. Dafür darf ich aber regelmäßig unterschwelligem bis hin zu offenkundig übersexualisiertem Gedankengut lauschen. Es ist schon irgendwie komisch wenn man mit einem großen Industriewasserstrahler den Boden von Bohnen- und Verpackungsresten befreit und ein hutzeliges Frauchen, das die eigene Großmutter sein könnte, einen auffordert man solle doch schnell mal die „fette Fleischpeitsche“ rüberschwingen. Total unqualifizierte Bemerkung. Dieses Gerät ist doch nicht im Mindesten organisch. „Schlauch“ hätte schon gereicht. Und wer noch nie eine 60-Jährige die Hüften hat rotieren sehen, während sie sich einen auf- und abfedernden Spargel vor den Schritt hält, der hat sowieso noch nicht gelebt. Über sowas kann ich aber ganz gut hinwegsehen, Männer kriegen die hier einfach selten zu Gesicht. Bei dieser Arbeit wäre es auch ein Wunder nicht mit der Zeit bescheuert zu werden. Also, so richtig bescheuert.

Obwohl ich hier gerade mal zwei Tage die Woche abreiße fühle ich mich wie ein schlesischer Weber zur Zeit der Märzrevolution. Von einem Maschinensturm auf das Etikettiergerät sehe ich vorerst noch ab. Wenn es dann soweit ist und die Luft brennt kann ich mir vielleicht Unterstützung von den Russen erhoffen. Die haben das eh besser drauf, hört man. Ihre Grundhaltung stimmt schon mal: sie wirken brummig&düster. Das macht sie leichter zu ertragen als die Vorarbeiter.
Wir passen ganz gut zusammen, die Russinnen und ich. Alle von ihnen sind klein und rundlich. Sie tragen seltsame Brillengestelle, die sie vor allem dann aufsetzen wenn sie in der Mittagspause Kreuzworträtsel mit kyrillischen Buchstaben füllen oder auf dem Bestellschein die noch zu produzierenden Kartons ablesen. Deutsch sprechen sie nur leidlich aber das Gequassel übernehmen hier sowieso die Vorarbeiter. Dafür steht immer dann eine von ihnen neben mir und greift mir unter die Arme, wenn ich es am wenigsten erwarte. Jede Woche kommen sie zu mir und fragen mich woher ich stamme. Mein Nachname klänge ja nicht sehr deutsch. Ich würde auch nicht so viel Quatsch reden. Jedes mal muss ich sie enttäuschen. Nach Feierabend verabschieden sie sich dann trotzdem mit einem „Пока“ und schenken mir verschwörerische Blicke. Etwas geschmeichelt fühle ich mich ja schon. Dann setze ich mich auf´s Rad und fahre nach Haus. Mit einem Herz voll Klassenkampf.

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