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Archiv für den Monat Juni 2015

Zwanzig Minuten nachdem Martin mit voller Kraft gegen einen Laternenpfahl geboxt hat, ist seine Hand beinahe auf die doppelte Größe angeschwollen. Aber das scheint ihn gar nicht zu interessieren.

Jetzt steht er plötzlich wieder vor dir, eine noch geschlossene Bierflasche unter den Arm geklemmt. In der unbeschadeten Linken hält er einen in Alufolie eingewickelten Döner. Du hattest gedacht er wäre direkt nach Hause gerannt. Hatte gebrüllt wie ein verrückter Urzeitmensch, der es mit einem Säbelzahntiger aufnimmt und dem selbst schon klar ist, dass es jetzt mit ihm zu Ende geht. Total wahnsinnig. Einfach losgelaufen und um die nächste Ecke verschwunden.

Martin schwankt so sehr, beinahe berühren sich eure Nasenspitzen. Du legst eine Hand auf seinen Hinterkopf, drückst seine Stirn an deine und strubbelst sein kurzrasiertes Haar. Geistesabwesend versucht er mit nur einer Hand die Folie von seinem Imbiss zu reißen. Völlig unmöglich. Also nimmst du ihm die Arbeit ab und fühlst dich dabei, als würdest du einem kleinen Jungen sein Pausenbrot schmieren. Der Dank ist ein versoffenes Schmatzen. Seit Martins filmreifen Abgang hat keiner von euch mehr etwas gesagt. Dir ist auch gar nicht nach reden. Du hast genug geredet. Reden ist anstrengend. Die ersten Worte sind nicht deine. Und sie müssen sich erst einmal an grob zerkautem Fastfood vorbeipressen.

„Whm ihf fhe immh fho! Dfi dfhme fhtze! Whm ihf fhe immh fho?“

„Fick dich, ich versteh kein Wort.“

Du wischst dir den Tzaziki aus dem Gesicht und fegst etwas Lammfleisch von deiner Jacke. Martins Aussprache ist nicht nur komplett unverständlich sondern auch feucht. Du wendest ihm den Rücken zu, blickst auf die Eisenbahnbrücke und wünschst dir einen schwerbeladenen Güterzug herbei. Ein Rauschen und Donnern, das alles verschluckt. Aber da kommt gar nichts. Nicht mal eine S-Bahn.

„Warum ist sie immer so.. So! Warum ist sie immer so!“

Seine Stimme ist gar nicht mehr wütend. Gar nicht mehr wahnsinnig. Einfach nur müde und verwirrt.  Du drehst dich wieder um und lügst. „Ich weiss es doch auch nicht.“ Was soll es bringen alles noch einmal durchzukauen. Wenn ihr jetzt wieder von vorne anfangt, bricht er sich am Ende auch noch die andere Hand.

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Du bist dreizehn Jahre alt und zwischen dir und dieser Welt ist keine Angst, die du nicht bewältigen könntest. Du siehst sowas von verflucht klar. Im Radio spielen sie gerade ständig dieses eine Lied. Darin heißt es, man solle „den Moment leben“. Findest du echt kacke, das Lied. Aber du weißt, gerade jetzt, da lebst du den Moment. Du bist der Moment. Und dir ist heiß.

Der Asphalt brennt auf deiner Haut. Du hast dein T-Shirt ausgezogen, es dir um den Kopf gewickelt und du hockst  im Schneidersitz auf dem Fahrradweg entlang der Straße. Du guckst nach links, du guckst nach rechts. Eine Herde Schafe kraxelt träge am Wasser entlang. Ein Bauer sitzt auf seinem Trekker und rollt stumpfsinnig über die weiten Felder. Fünfunddreißig Grad im Schatten zwingen alles und jeden zur Langsamkeit. Nur der Fluß ist schnell. Die Elbe drückt gewaltige Wassermassen durch das Land, als müsste sie irgendwem beweisen, dass sie niemals aufgibt.

Du spürst, wie die heiße Luft deinen Mund immer wieder austrocknet. Du sammelst Speichel und benetzt damit Lippen, Zähne, die Innenseite deiner Wangen und den Raum unterhalb der Zungenspitze. Es braucht nur einen Atemzug und schon ist alles wieder staubtrocken. Wenn du die Lider schließt, siehst du rosarot. Mit einer Hand stützt du dich ab, stehst auf und gerätst dabei so sehr ins Schwanken, dass du beinahe den Deich hinunter kullerst. Einen letzten Blick wirfst du über das Wasser. Da drüben ist Niedersachsen. Dein Bruder hat einmal gesagt, da ist sogar noch weniger los als hier.

Mutter, Vater und Sohn sitzen am Frühstückstisch. Über ihnen hängt eine aus Ton geformte Uhr. Darin rudern zwei Frösche in einem Boot, das aussieht wie der Mond. Im Meer schwimmen gelbe Sterne und über ihnen sprießen die Zeiger aus dem Himmel.

Sohn: Wie lange haben wir diese Uhr jetzt schon?

Mutter: Oh. Das weiss ich nicht. Schon ewig. Die haben wir mal auf einem Weihnachtsmarkt gekauft.

Vater: Die Herstellerin hat sich dann irendwann vor einen Zug geworfen.

Kurzes Schweigen.

Mutter: Aber schöne Uhren hat sie gemacht.

Sohn: Ist ja heftig.

Der Vater blickt auf die tickende Froschuhr an der Wand.

Vater: Ja. Aber die Zeit läuft weiter.

DCIM100MEDIA

In diesem Jahr musste ich mir bereits zweimal ein neues Mobiltelefon kaufen. Das erste Mal, weil ich mein altes in der U-Bahn liegen ließ. Daraufhin orderte ich kostengünstig ein Smartphone bei Amazon. Es hielt eineinhalb Monate lang, bis ich in einem Anflug von Selbsthass, Liebeskummer und unkontrollierbarer Wut das Gerät gut vierzig Meter durch den Stadtpark warf. Dabei war ich bei den Bundesjugendspielen immer eine Niete im Weitwurf. Ich verfehlte nur knapp eine Oma, die ihren Dackel ausführte. Eigentlich war es gar kein Dackel aber zumindest eines von den Viechern, deren Beine proportional zu der Länge ihres Oberkörpers stummelig und kurz wirken. Hätte ich das Tier getroffen, wäre mein Telefon vielleicht noch heil und ich hätte nicht schon wieder ein neues kaufen müssen. Wieder bestellte ich dasselbe Model, legte die alte neue Micro-Sim ein und erzählte niemandem von meinem Missgeschick. Dieses Mal überlebte das Gerät ganze drei Monate. Auf dem ersten Festival des Jahres ließ ich es beim Pinkeln in den Tank eines Dixi-Klos fallen. Mit ungläubig-versoffenen Blick spähte ich in den schwarzen Abgrund und vergoss dabei beinahe eine Träne. Schlechtgelaunt torkelte ich zurück in die Sonne und bewarf einen arroganten Pfandsammler von Viva con Agua mit einem leeren Bierbecher. Das klingt böse, ist es aber nicht. Der Typ war echt ein Arsch. Und getroffen habe ich auch nicht.

Als wir Kinder waren konnten wir vieles nicht verstehen, was unsere Eltern uns erzählten.

Wir konnten es nicht verstehen, haben aber jedes Wort bedingungslos geglaubt.

Die Geschichten vom Leben. Von der Arbeit, der Liebe und den Freunden. Den lebenden und den toten.

Von denen die groß und erfolgreich wurden, von denen die verrückt geworden sind.

Heute verstehen wir all die Worte, an die wir früher bloß glaubten.

Die Kinder mit denen wir gemeinsam älter wurden.

Manche von ihnen arbeiten hart.
Manche leben für die Liebe.

Manche reden nur noch Mist.
Manche sind nicht mehr da.