Nichts los

Du bist dreizehn Jahre alt und zwischen dir und dieser Welt ist keine Angst, die du nicht bewältigen könntest. Du siehst sowas von verflucht klar. Im Radio spielen sie gerade ständig dieses eine Lied. Darin heißt es, man solle „den Moment leben“. Findest du echt kacke, das Lied. Aber du weißt, gerade jetzt, da lebst du den Moment. Du bist der Moment. Und dir ist heiß.

Der Asphalt brennt auf deiner Haut. Du hast dein T-Shirt ausgezogen, es dir um den Kopf gewickelt und du hockst  im Schneidersitz auf dem Fahrradweg entlang der Straße. Du guckst nach links, du guckst nach rechts. Eine Herde Schafe kraxelt träge am Wasser entlang. Ein Bauer sitzt auf seinem Trekker und rollt stumpfsinnig über die weiten Felder. Fünfunddreißig Grad im Schatten zwingen alles und jeden zur Langsamkeit. Nur der Fluß ist schnell. Die Elbe drückt gewaltige Wassermassen durch das Land, als müsste sie irgendwem beweisen, dass sie niemals aufgibt.

Du spürst, wie die heiße Luft deinen Mund immer wieder austrocknet. Du sammelst Speichel und benetzt damit Lippen, Zähne, die Innenseite deiner Wangen und den Raum unterhalb der Zungenspitze. Es braucht nur einen Atemzug und schon ist alles wieder staubtrocken. Wenn du die Lider schließt, siehst du rosarot. Mit einer Hand stützt du dich ab, stehst auf und gerätst dabei so sehr ins Schwanken, dass du beinahe den Deich hinunter kullerst. Einen letzten Blick wirfst du über das Wasser. Da drüben ist Niedersachsen. Dein Bruder hat einmal gesagt, da ist sogar noch weniger los als hier.

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