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Archiv für den Monat September 2015

Jeden Tag liegt der Schnee so dick auf den Straßen, dass man beim Gehen laut vor sich hin knartscht. Ich mag das Geräusch und halte mich fern von eingelaufenen Bahnen. Risiko: Hundescheiße, die man nicht sieht. Ich kaufe einen Kaffee, stelle mich vor dem Bäcker auf einen Lüftungsschacht und warte auf den Bus. Das Gitter unter mir wird vom zunehmenden Weiß ausgesparrt. Der Luftzug von unten ist gleichzeitig angenehm warm und ekelerregend faul. Außer mir ist niemand auf der Straße, die Backwarenverkäuferin hinter der Scheibe wischt gelangweilt auf ihrem Smartphone herum und nur in einigen wenigen Fenstern brennt das erste Licht.

Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln brauche ich fast zwei Stunden zur Sonderschule, die genau am anderen Ende von Hamburg liegt. Aushilfsweise begleite ich die Lehrer im Unterricht. Eigentlich bin ich für Mike zuständig, der liegt aber die meiste Zeit still in seiner Kuschelecke und träumt vor sich hin. Ich bringe ihn aufs Klo, begleite ihn in der Pause und passe auf, das er niemanden beißt. Ansonsten versuche ich einfach nur die Schüler ruhig zu halten. In der Klasse sind Kinder mit allen möglichen Krankheitsbildern zwischen Acht und Zwölf Jahren. Manche von ihnen sind einfach nur hyperaktive Kids, die schon jetzt eine ganze Reihe von Schulen hinter sich haben. Kleine Energiemonster, die zuhause jeden Tag vor dem Fernsehr stillgelegt und neu aufgeladen werden, denen es schwer fällt auch nur eine halbe Minute den Mund geschlossen und alle Glieder beieinander zu halten. Andere sind gelähmt, sitzen im Rollstuhl oder haben geistige Einschränkungen, von denen ich noch nie gehört habe.   Um hier jedem Kind gerecht zu werden bräuchte es mehr als eine Lehrkraft und einen Zivildienstleistenden. Während wir in einer freien Minute am zugeschneiten Hof stehen sagt einer der Lehrer mit  müdem Schulterzucken: „Wir sind ein Sammelbecken für alles, womit die Stadt nicht klar kommt. Komplett überfüllt.“

Am liebsten mag ich Bente. Es ist schwer sie nicht zu mögen. Menschen mit Trisomie 21 tragen eine ganze Reihe von Eigenschaften, die von Vielen als liebenswürdig wahrgenommen werden. Doch der Gedanke, gerade die Krankheit des Kindes niedlich zu finden beschämt mich irgendwie. Zwei Zöpfe, die wie stummelige Antennen von ihrem Kopf abstehen. Ein rundes Gesicht, mit hellwachen mandelförmigen Augen, eine kleine Stupsnase und ein Mund, der fast immer lächelt. Bente ist anhänglich, verspielt und neugierig. An einem Tag wird sie von einem anderen Jungen mit Down-Syndrom in einen Bücherschrank gesperrt. Als sie nach Unterrichtsbeginn noch immer fehlt suche ich sie in den anliegenden Räumen. Panisches Klopfen und Gewimmer verrät schließlich ihr unfreiwilliges Versteck.

Kurz darauf verlasse ich die Schule und verbringe wieder Zeit mit Menschen, die nicht weniger krank sinddafür aber um einiges älter. Und erst jetzt merke ich, wie sehr sich mein grundlegendes Gefühl unterscheidet. Ganz egal wie stark die Kinder betroffen sind, wie veranlagt oder beeinträchtigt.  Sie schaffen immer auch eine Atmosphäre der Unbeschwertheit und der Freude. Auch während der Betreuung älterer Menschen mit Behinderung kann man Freude sehen. Aber allzu oft ist es die Freude von Menschen, die das Gefühl in sich tragen überflüssig zu sein.