8. Klasse

So jung und trotzdem schon den schwarzen Gürtel in der Disziplin „Viel denken – nichts tun“. Verdammt gefährlich für die ausführende Person. Seit man dir einmal gesagt hat,  dass du die Nase nicht immer so hoch tragen sollst, versuchst du dich in Demut. Manchmal funktioniert das sogar. Und eigentlich warst du auch nie gut darin, den Mund aufzumachen. Wenn die anderen im Unterricht wieder von Dingen sprechen, die sie entweder genauer oder aber gar nicht hätten lesen sollen, fängt dein Geist an abzuschweifen. Die Stimmen in deinen Ohren werden leiser und dein Blick langsam trübe. Manchmal, wenn du wieder ganz klar bist, fragen deine Eltern dich, was du davon halten würdest, dir mal die Hauptschule im Nachbarort anzuschauen. Irgendwie bleibst du trotzdem genau da, wo du bist; schließlich willst du dich für niemanden bewegen – nirgendwohin. Seit du zum ersten mal auf einer Beerdigung warst, weißt du, dass man hier nicht lebend rauskommt. Also wofür sich anstrengen?

„Du bist echt der selbstgerechteste kleine Wichser, der mir seit langem untergekommen ist.“ Der Typ von der Berufsberatung redet Klartext, sobald kein anderer Erwachsener mehr anwesend ist. „Guck mal Nachrichten. Überall Mord und Totschlag. Du lebst hier in einem Vorstadtort der Ersten Welt. Sei glücklich! Tu mal was!“ Zwar siehst du, wie seine Lippen sich bewegen und verstehen tust du auch jedes Wort,  aber alles was du hörst is: „Blablabla.“ Auch dein Gegenüber scheint nicht zu wissen, wovon du eigentlich redest. Ihr sprecht dieselbe Sprache, sitzt  euch am selben Tisch gegenüber und trotzdem seid ihr auf unterschiedlichen Planeten unterwegs. Vielleicht solltest du noch einmal wiederholen, was du schon mehrfach zu sagen versuchtest. „Sie verstehen mich nicht. Ich sagte: Die Welt ist am Arsch. Nur weil wir jeden Tag genug zu fressen haben, heißt das doch nicht, dass hier nicht grundlegend etwas verkehrt läuft. Sind sie blind, oder was?“ Eigentlich wolltest du nur erklären, dass du dir nicht vorstellen kannst eine kaufmännische Ausbildung zu machen, dir nicht vorstellen kannst, irgendetwas zu machen. Jetzt seid ihr abgedriftet in eine Grundsatzdiskussion, in der ihr euch ständig wiederholt. Du jedenfalls.

„Und was wäre, wenn du versuchst sie besser zu machen?“

„Indem ich den Leuten irgendwelche Scheiße verkaufe, die sie eh nicht brauchen?“

Und so geht eure Unterhaltung weiter und weiter. Dein 14 jähriges Gehirn sucht nach verbalen Ausweichmanövern, nach Antworten, auf Fragen die du jedes mal auf den Innenseiten deiner Lider lesen kannst, sobald du nur die Augen schließt. Was wäre denn, wenn du versuchen würdest sie besser zu machen? Sie besser zu machen. Sie besser zu machen. Wie eine rotierende Flaschenpost fliegen die Worte von der einen Insel zur anderen. Das ist er also, euer einziger gemeinsamer Nenner. Ja, das ist gut. Fehlt nur noch das „Wie“.

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