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Fassbinder, der nackt mit einem Freund telefoniert und erklärt, dass Gefängnis, in dem sich die Terroristen erschossen haben, wäre das sicherste der Welt und wie wahrscheinlich es denn wohl sei, dass man es geschafft habe, Schußwaffen dort hineinzuschmuggeln. Wobei er sich die ganze Zeit unablässig am Schwanz rumspielt. Wie er anschließend eine ältere Frau interviewt, die pro Todesopfer der RAF gerne eines von deren Mitgliedern kalt machen lassen würde. Ihre Antwort auf die Frage, was die beste Staatsform sei: „Das Beste wäre son autoritärer Herrscher, der ganz gut ist und ganz lieb und ganz ordentlich.“ Ihr Gesicht in Großaufnahme, das bei dieser Vorstellung in seeliger Verzückung erstrahlt. Dann ein Schnitt und die deutsche Nationalhymne.

Gestern Abend bin ich über „Deutschland im Herbst“ gestolpert. Es ist ein Zusammenschnitt aus mehreren Kurzfilmen über… äh, über den Deutschen Herbst eben. Fassbinders Beitrag ist besonders schön. Er gibt einen sehr persönlicher Blick auf die Dinge und spiegelt eindrücklich Gefühle wieder, die zu dieser Zeit das politische Klima der BRD bestimmten. Schmeckt nach Verzweiflung, Angst und Zynismus.

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$ick ist um die 40 Jahre alt und hat jetzt schon mehr erlebt als für nur einen Menschen gut sein kann. In dem Youtube-Format Shore, Stein, Papier erzählt er von seiner Drogenkarriere. Es ist eine Aneinanderreihung von teils schockierende, teils traurigen, unglaublichen aber auch komischen Geschichten, die nun schon aus weit über 150 Folgen besteht.

Alles beginnt mit dem ungewollten Umzug des Scheidungskindes von Stuttgart nach Hannover. Beim neuen Freund der Mutter findet der Junge ebenso wenig Akzeptanz wie in der Schule. Stattdessen fängt er mit 13 Jahren das Kiffen an und irgendwann kommt das Heroin dazu. Bald folgt der Rauswurf aus der Wohnung, eine Einbrecherkarriere und die erste Haftsstrafe. Das volle Programm eben. Dank der direkten Erzählung ist der Zuhörer immer nah dran, und nach ein paar Folgen ist man selber süchtig.

Ich wäre überhaupt nicht verwundert, wenn irgendjemand mal einen Film daraus machen würde. Eher verärgert, wenn nicht. Die Storys sind einfach zu gut. Wie den Justizvollzugsbeamten der JVA Hameln LSD in den Kaffee gemischt wird. Wie $ick gerade noch der Hinrichtung durch albanische Großdealer entgeht. Oder auch die nächtlichen Raubzüge durch die Hannover innenstatt. Glorifiziert wird das Drogennehmen dabei genau so wenig, wie etwa in dem alten Streifen über die Kinder vom Bahnhof Zoo. Nur ist das hier kein Schauspieler. Das kann nur das Internet.

PS. Nicht, dass es bezüglich der Überschrift zu Mißverständnissen kommt. $ick nimmt nach eigenen Angaben inzwischen kein Heroin mehr. Aber ich halte es da mit den geflügelten Worten, die er selbst immer wieder bestätigt: Einmal süchtig, immer süchtig.

 

 

 

Fans von „Game of Thrones“ könnte auch die Fernsehserie „Vikings“ mehr als gut gefallen. Und gerade wer schon jetzt mit der dritten Staffel des Fantasyepos durch ist, für den ist dies die Chance, noch ein wenig in einer Welt zu verweilen, in der  Schwert und Götter regieren. Denn wie fühlen wir uns nach jeder großartigen Serie, die wir bis zum Ende schauen? Genau. Wir sind beglückt durch die vielen spannenden Wendungen – aber auch traurig, dass dieses Abenteuer vorerst zu Ende ist.

Gut, in Vikings stehen  politische Verflechtungen nicht ganz  so sehr im Mittelpunkt wie bei GoT. Die Handlung spielt nicht auf einer der Phantastie entsprungenen Weltkugel,  sondern irgendwo in Skandinavien. Auch gibt es hier nicht soviel Hokuspokus – vielmehr geht es oft um religiöse Riten und den menschlichen Glauben. Wobei manacher sicher sagen würde, dass das doch das selbe ist. Der große gemeinsame Nenner ist natürlich das Gemetzel, eindrucksvolle Kulissen und wundervolle Kostüme. Das Eintauchen in eine Welt der Krieger und Mythen.

Vielleicht noch die Rahmenhandlung in kürze: Der Vikinger Ragnar Lodbrok entwickelt einen Sonnenkompass und segelt mit dessen Hilfe zum Plündern in den noch unbekannten  Westen – entgegen den Anweisungen seines Gebieters. And here we go. Mord und Totschlag, Intrigen aber wie schon erwähnt: auch eine kleine Studie des menschlichen Glaubens. Denn  abgesehen von den Schätzen, die die Wikinger aus einem englischen Kloster rauben, bringen sie auch einen christlichen Mönch als Sklaven mit nach Hause. Immer wieder geht es um Gegensätze und Gemeinsamkeiten des germanischen Götterkults und des Christentums.

Ich gebe zu: erst dachte ich, diese Serie scheint etwas simpel gestrickt zu sein. Simpel, wie auch ihre Charaktere es waren. Wie ich glaubte, dass sie es waren. Aber mit jeder Folge gewinnen Geschichte und Darsteller an Tiefe.  Das ist ein großartiges Format, das History Television da aus dem Ärmel gezaubert hat. Ich meine, wo sonst kriegt man so Sätze zu hören wie: „.. und als man sie enthauptete, da steckten sie ihnen ihre Gesichter in die Hintern.“