Archiv

Gedanken & Momente

Eine Kaugummiblase platzt und heraus strömt heißer Atem als feiner Dampf. Die kalte Nachtluft ist getränkt von den Abgasen der Straße und Zigarettenrauch sammelt sich unter dem gläsernen Dach der Haltestelle. Neonröhren tauchen den Busbanhof in ein unversöhnliches Gelbgrün. Das Licht läßt jeden Wartenden erscheinen, wie einen einsamen Planeten. Wir sind lebende Organismen in der Kälte eines grobkörnigen Universums, befremdlich und abgelegen, nah beieinander und unendlich fern. Ein sterbender Stern trägt Hausschuhe bei minus drei Grad und Kotzeflecken auf der zerfetzten Übergangsjacke. Die Zutaten eines Döners hängen in seinem filzigen Bart und unter seinem Arm klemmt eine Flasche Coca Cola, in der nicht nur  Coca Cola ist. Eine Kollision von Himmelskörpern geschieht am Fahrplanaushang. Zwei Männer brüllen sich auf russisch an und tänzeln in Boxerposen besoffen aufeinander zu. Der schönste Meteor am Himmel ist ein großes Mädchen, dass im Abseits steht und rosa Blasen platzen läßt.

Advertisements

Sie beschwert sich über die Oberflächlichkeiten  der Welt und hat Tinder installiert.

Ihre zu kurz geratenen Argumentationsketten stammen aus den überlangen Artikeln für das Bildungsbürgertum.

Das Risiko geschmacklos zu  erscheinen besteht nicht, schließlich ist sie immer gut informiert. Geschmacklos ist sie nur, wenn das ironische Moment dabei für jeden erkennbar ist und sie trotzdem noch gut aussieht.

Sie liebt die deutsche Sprache und was man damit machen kann –  Grammatik bitte nicht verschandeln!

Für die unreflektierte Zuhörerschaft gibt es Moral aus der Tube.

Am Ende wird das Blech gerollt, alles andere wäre nicht nachhaltig.
Sie sagt, wer das Wort Fotze benutzt, ist ein sexistisches Monster.

Wer Tarnfarben trägt, schmückt sich mit den Federn des Krieges.

Und wer ihr länger als fünf Minuten zuhören kann, ist wahrscheinlich tot.

 

 

 

 

Nach Feierabend stehen sie in verschwitzten Franchiseuniformen hinter gläsernen Auslagen. Fastfood verkaufen, Kaffee ausschenken, den Boden kehren und die Kasse zählen. Freundlich sein, ansprechbar sein und nicht zu langsam. Die Ladenfront schließen und vor dem Hinterausgang Zigaretten rauchen. Sich zwischen Müllcontainern und Pappkartons gegen die Wand lehnen, den Blick durchs Nichts schweifen lassen. Ein taubes Wummern zwischen den Schläfen fühlen und versuchen sich nicht darauf zu konzentrieren. Mit den Kollegen fluchen. Mit den Kollegen schweigen. Sich von Kollegen verabschieden. Den Bus nach Hause nehmen und mit überreizten Netzhäuten auf glühende Displays starren. Persönliche Nachrichten dechiffrieren und spätestens bei der Interpretation kläglich scheitern.

„Nichts ist echt, außer Du fühlst es,
nichts ist da, außer du berührst es,
und nichts kann Dich berührn, während Du nach Formeln suchst zum Glücklichsein,
kein Wort ist wahr, nur weil es dokumentiert ist,
und nichts wird klar, nur weil es gut recherchiert ist,
und nichts wird erlöst, nur weil Du ständig nachdenkst über Ungerechtigkeit“

Maike Rosa Vogel

Der Gedanke jetzt irgendetwas aufzuchreiben. Um zu sehen, dass man noch da ist. Um Ruhe zu finden. Um die Abfolge der Buchstaben in Informationen umzuwandeln, die hoffentlich etwas hergeben. Etwas, das entspannend wirkt auf all deine Wirrungen. Um zu sehen, das auch die Ruhe von Grund auf in dir angelegt ist. Das alles gut ist.

Nach diesen Nächten ist dein Körper nur noch eine dünne Hülle. Beinahe durchsichtig. Die Morgensonne fällt auf die Stadt, aber auf dich, da fällt sie nicht. Sie geht einfach durch dich hindurch. Du fühlst dich klapperig und leicht. Beinahe, als würde der Wind dich jeden Moment mit sich nehmen. Und wenn er kommt, dann wirst du dich nicht gegen ihn wehren. Du wirst sagen, trag mich höher und dich freuen, wie klein die Welt von hier oben ist. Aber auch der Wind findet keinen Halt an dir. Wie das Licht strömt er durch deinen Umriß und  weht weiter seiner Wege. Wo auch immer er hin will.